2022 Mit einem Geländewagen durch Tunesien

Reisezeit: April - Juni 2022  |  von Michael Bünte

an der Ostküste: El Jem

Das Amphitheater von El Jem

Das Amphitheater von El Jem

Schon aus großer Entfernung sehen wir das Amphitheater sich wie ein Sandsteingebirge über der Stadt erhebt, um das sich die weißen Häuser von El Jem ducken. Dieser sandsteinfarbene „Berg“ erinnert uns an die Städte der Berber in den Bergen, die durch die vielen in den Fels gehauene Öffnungen und höhlenartige Vertiefungen als von Menschen bearbeitete Bauwerke zu erkennen waren. In diesem Fall ist der “Berg“ selbst von Menschenhand geschaffen worden, aus tausenden zig-tonnenschweren Steinblöcken, die über Kilometer hierher transportiert worden sind; und zwar zu einer Zeit, als die technischen Möglichkeiten auf Flaschenzüge, Keile, Rollen und Muskelkraft begrenzt waren.
Wir erfahren, dass in diesem Amphitheater 30.000 Menschen Platz hatten, um den grausigen Wettkämpfen zwischen Gladiatoren und wilden Tieren zuzusehen. Aber auch öffentliche Hinrichtungen wurden in dieser Arena zur Schau gestellt. Auf Mosaiken aus der Römerzeit haben wir Darstellungen von gefesselten Delinquenten gesehen, die von ausgehungerten Raubtieren attackiert werden.
Zwei Stunden vor dem Schließen der Tore kommen wir in die Arena, so dass wir in der späten Nachmittagssonne durch das Steingebirge mit den mächtigen Säulen und Bögen wandern können. Neben dem jetzt angenehmen rötlichen Licht und dem nicht mehr zu sehr drückenden Klima im Inneren hat es noch einen weitern Vorteil, erst jetzt gekommen zu sein. Die tagsüber hier anwesenden Heerscharen von bunt gemusterten oder stylisch angezogenen Touristengruppen bevölkern nicht mehr diese Stätte. So ist es leichter für uns, uns die Zeit vorzustellen, in der genau an diesem Ort die Kämpfe oder Hinrichtungen stattfanden und tausende von Stimmen das Oval beben ließen. Auf Marmorblöcken sitzende, in Tuniken gekleidete römische Bürger, die, nach Ansehen sortiert, weiter vorne oder in größerer Entfernung den Darbietungen folgen durften.

Jetzt schreiten wir in die “Unterwelt“ hinunter, also dem Backstage in den Kellergewölben unter der Arena, in denen wir durch Gänge laufen, durch die damals auch die Gladiatoren in voller Erwartung auf die Kämpfe geschritten sind, beziehungsweise deren Reste der Unterlegenen abtransportiert wurden. Wir sehen die Verließe, in denen Gefangene, schuldig oder nur denunziert, in Vorbereitung auf das Gemetzel festgehalten und die Räume, in denen die wilden Tiere ausgehungert wurden. Und dann kommen wir zu den Öffnungen in denen Aufzüge eingebaut waren, um die Tiere in ihren Käfigen in die Arena zu liften. Man wollte ja nichts riskieren.

Die Schatten werden länger. Wie die Zeiger einer überdimensionalen Sonnenuhr wandern sie über den Grund des Amphitheaters. Das Licht färbt sich rötlich. Es ist Zeit für uns, diesen Ort, der unsere Phantasien beflügelt hat, zu verlassen. Fassungslos über die Größe der Steinblöcke, die in derart große Höhen gehieft wurden, die passgenau von Hand bearbeitet und in die für sie bestimmten Formen gebracht wurden, sodass sie auch jetzt nach fast 2000 Jahren an ihren vorbestimmten Postionen sitzen. Welche architektonische Vorstellungskraft, welche Fähigkeiten des Managements, welche logistischen Herausforderungen mussten bewältigt werden, um ein solches Bauwerk zu erschaffen.

Aus der Literatur erfahren wir, dass diese Arena von den Bürgern der Stadt “Thysdrus“, durch die Olivenölproduktion zu großem Reichtum gekommen, als Zeichen ihres Wohlstands innerhalb von acht Jahren errichtet wurde.
Das Bauwerk konnte jedoch nicht vollendet werden, weil vorher die gesamte Stadt wegen schwerer Verfehlungen gegenüber den Machthabern von der römischen Zentralmacht zerstört wurde. Von diesen Strafmaßnahmen hat sich die Stadt nie mehr erholen können. Immerhin können die Einwohner des heutigen kleinen Nestes El Jem das Amphitheater jetzt 2000 Jahre später noch dazu nutzen, ihre Stadtkassen aufzubessern und etwas Tourismus hierher zu bringen. Immerhin ist dieses Amphitheater die drittgrößte Arena des römischen Reiches.

das Amphitheater erhebt sich wie ein Sandsteingebirge über der Stadt

das Amphitheater erhebt sich wie ein Sandsteingebirge über der Stadt

Kamelreiten, die Attraktion vor dem Amphitheater

Kamelreiten, die Attraktion vor dem Amphitheater

Decke unter den ehemaligen Theatersitzen

Decke unter den ehemaligen Theatersitzen

In den Verließen unter der Arena

In den Verließen unter der Arena

Der volle Mond und alte Mauern

Der volle Mond und alte Mauern

© Michael Bünte, 2022
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wir starten in Hamburg und reisen mit einem Toyota HZJ78 über Neapel nach Tunesien. Dieses ist der Bericht unserer zehnwöchigen Reise.
Details:
Aufbruch: 06.04.2022
Dauer: 10 Wochen
Heimkehr: 17.06.2022
Reiseziele: Tunesien
Der Autor
 
Michael Bünte berichtet seit 5 Monaten auf umdiewelt.
Bild des Autors
Aus dem Gästebuch (3/4):
Pollensa07 1656508686000
Ein span­nen­der Urlaub ist zu Ende, der mich tief in das tu­nesische Leben mit­ge­nom­men hat. Vor Jahren war ich selbst schon einmal als Pauschal­tou­rist in diesem Land und habe einige Orte wie­derer­kannt. Sehr be­ein­druckt haben mich damals der antike Stein­bruch mit diesen warmen, gol­de­nen Farben. Das alles habe ich jetzt während Eurer Ur­laub­sta­ge wieder mi­ter­le­ben dürfen­.Ja, damals war dort alles noch of­ffi­zell geö­ffnet. Aber ich kann mich e­rin­nern, dass sich einige Tou­ris­ten unserer Rei­seg­rup­pe dort an spitzen Steinen und nied­ri­gen "Decken" ver­letzt haben. Von Eurem Stil her ist alles so aut­hentisch, dass man sich vom Lesen gar nicht los­rei­sen kann. Danke für diese inte­res­sante Reise!
Ulrike Schmittmann 1654715989000
Vielen Dank, dass ich in Ge­dan­ken mit­rei­sen kann durch Tu­nesi­en!
Ich habe alle Berich­te von eurer Reise versch­lun­gen­!
Lie­be Grüße an euch!
Jana 1654249320000
un­glaub­lich tolle Ur­laub­sbil­der! Ein spitzen Fo­tog­raf! Man hat das Gefühl mit dabei zu sein und von dem Alltag zu ent­flie­hen! Genießt euer Ab­tente­uer