2022 Mit einem Geländewagen durch Tunesien

Reisezeit: April - Juni 2022  |  von Michael Bünte

an der Ostküste: Zarzis

Kreisverkehr in Zarzis

Kreisverkehr in Zarzis

Eines der Stadttore von Zarzis

Eines der Stadttore von Zarzis

Treffpunkt unter dem Olivenbaum

Treffpunkt unter dem Olivenbaum

Pizza geht immer

Pizza geht immer

versteckte Frauen

versteckte Frauen

Ein Gespräch mit Majalhi

Wir stehen mit unserem Toyota vor einer niedrigen, weiß gestrichenen Mauer, die den feinsandigen Strand vom Parkstreifen an der Straße abgrenzt.
Ein Kellner bringt Teller mit bunter Pizza vom Restaurant auf der anderen Straßenseite zu den unter Strohschirmchen sitzenden Gästen am Strand.
Wir zerteilen uns gerade unser noch warmes Grillhähnchen an der Außenküche unseres Fahrzeuges. Der Kellner sieht zu uns herüber.
„Ça va?“
„Ja, es geht gut. Alles klar. Aber wir brauchen gerade keine Pizza.“
Er hat verstanden.
„Wir kommen nach dem Essen auf einen Kaffee rüber“
Er nickt und spurtet seiner nächsten Bestellung entgegen.

Das Huhn ist verspeist und Kaffeedurst hatte sich angemeldet.
Jetzt schlürfen wir bei arabischer Discomusik aus kleinen Gläsern die dunkelbraune Flüssigkeit. Hinter uns ist ein Eingang zu einem wunderschön eingerichteten und mit Berbermotiven dekoriertem Raum. Der Raum, groß genug für größere Feiern, ist zur Straße hin mit blickdichten Gardinen verhängt.
Ein junger Tunesier steht im Eingang, und so kommen wir mit Majalhi, dem ein sehr gutes Englisch sprechendem Besitzer des Restaurants, ins Gespräch.
„So ein schöner Raum. Werden hier Hochzeiten abgehalten?“
Von der Straße aus sah das Restaurant eher wie ein Imbiss aus.
„Ja, hier werden manchmal auch Hochzeiten gefeiert. Aber hauptsächlich habe ich hier libysche Gäste, die von der nahen Grenze herüberkommen.“
„Warum dann diese blickdichten Gardinen“
„Wir haben hier alles abgehängt, weil die Libyer ihre Frauen nicht gerne in der Öffentlichkeit zeigen. Sie sind immer verschleiert und gehen nicht nach draußen“

„Die Libyer können einfach so nach Tunesien einreisen? Könnt Ihr auch rüber?“
„Ja, zur Zeit ist das kein Problem. Das kann sich aber von Woche zu Woche ändern.“
„Und sie kommen zum Essen hierher gefahren?“
„Die Libyer sind sehr finanzstark - sind meine besten Gäste - kommen in großen Gruppen und bestellen soviel, dass immer große Mengen übrig bleiben. Das gefällt mir natürlich nicht so sehr, ist aber gut für’s Geschäft.“
Dann sprechen wir über die aktuelle Situation und das Leben für ihn hier in Tunesien. Majalhi kennt auch das Leben in Deutschland, denn er ist einen Teil des Jahres LKW-Fahrer in Dortmund.
So erfahren wir, dass er bedrückt ist über das Verpuffen der in der Jasminrevolution erkämpften Demokratie in Tunesien. Hier ist man seiner Meinung nach für die Freiheit, aber auch für die damit zusammenhängenden Verpflichtungen, noch nicht bereit.
„Die Leute hier leben von der Hand in den Mund. Machen sich einen schönen Tag und nehmen nichts in die Hand, um sich etwas aufzubauen.“
Dann gibt es hier diese schwierigen bürokratischen Verhältnisse, mit denen er konfrontiert wird.
„Es hat sechs Monate gedauert, bis ich die vom Präsidenten persönlich unterschriebene Genehmigung bekommen habe, diese fünf Schirmchen auf dem Stand aufzustellen. Sechs Monate! Sowas erstickt doch jeden Fortschrittsgedanken im Keim. Viele wollen hier weg. Wollen nach Europa, wo man schnell viel Geld verdienen kann.“
Im Sommer, erzählt er, sei dieser Strand der Ausgangspunkt für die illegale Überfahrt in die EU. Dann wimmelt es hier von Ausreisewilligen.
„Das ist aber falsch. Wir müssen unser Land selbst in Schwung bringen, mit kleinen Unternehmen, mit dem Tourismus, mit eigenen Arbeitskräften. Am besten müssten alle arabischen Staaten zusammenhalten und gemeinsam daran arbeiten.“
Vor zwei Jahren hatte er Schwierigkeiten, Personal zu bekommen. Zwei der Flüchtlinge hier am Strand, die nach Italien wollte, konnte er dazu bewegen, in seinem Restaurant zu arbeiten. Sie sind immer noch bei ihm angestellt und haben hier ein gutes Leben.
„Viele meiner Landsleute haben die Hoffnung für Tunesien aufgegeben. Sie wollen nur weg und ein besseres Leben haben. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Ich investiere das, was ich in Dortmund verdiene, in mein Unternehmen und glaube daran, dass Tunesien es eines Tages schaffen kann.
Im Augenblick haben wir hier aber eine sehr konservative Regierung, die forciert, dass die Männer mehrere Frauen haben. Aber das sind nicht unsere Probleme. Man kann auch mit nur einer Frau ein gutes Leben führen.“

Wir haben mit diesem Majalhi soviel gemeinsames Gedankengut, dass man sich gefühlsmäßig sehr nahe kommt. Wir tauschen unsere E-mail Adressen aus, bezahlen unsere Getränke und müssen erst einmal den Strand auf- und ablaufen, um diese geballten Informationen zu sortieren.

Majahdi's Restaurant

Majahdi's Restaurant

Majahdi's Strandschirmchen

Majahdi's Strandschirmchen

Strand von Zarzis

Strand von Zarzis

unsere Außenküche mit Schattenspender

unsere Außenküche mit Schattenspender

Sündhafte Versuchungen

„Wo bekommen wir jetzt Nachschub her?" Wir hatten in Houmt Souk problemlos in einem separaten Raum bei Carrefour vor sieben Tagen etwas Wein und Bier für die abendlichen Ausklänge unserer Reisetage besorgen können. Obwohl stark rationiert und in kleinen Dosen genossen, ist unser Vorrat an alkoholischen Getränken nun vollständig aufgebraucht.
Wir stehen jetzt gerade in Zarzis, einer quirligen Kleinstadt mit schönen noch erhaltenen weißen Stadttoren und versuchen, weil es ja so gut geklappt hatte, wieder bei einem Carrefour-Supermarkt, einen “Cave Vin“, einen Weinkeller, also einen nett umschriebenen Bereich des Supermarktes zu finden, in dem man in diesem muslimischen Land alkoholische Getränke kaufen kann. Entsetzte Blicke und heftiges Ablehnen sind die Reaktionen auf unsere Frage, die wir von den Kassiererinnen und den Security-Mitarbeitern bekommen. Hier wird es mit dem Verbot alkoholischer Getränke also viel strenger gehandhabt, als wir es bisher kennengelernt haben. Das hätten wir in dieser Form so nicht erwartet.
Etwas ratlos versuchen wir es noch einmal bei einem anderen, jüngeren Kassierer, der uns einen etwas lockereren Eindruck macht, als die übrigen, die wir bisher gefragt hatten. Von diesem bekommen wir einen verstohlenen Blick zugeworfen, er raunt uns leise zu „Route Ben Guerdane“ und geht schnell wieder zu seiner Kasse zurück.
„Oh danke!“ Da haben wir ja mal einen hilfsbereiten jungen Mann getroffen. „Aber wie finden wir diese Straße?“ Da es keinen Stadtplan von diesem Ort gibt bemühen wir unser Navi. Südlich von Zarzis an der libyschen Grenze liegt die Stadt “Ben Guerdane“. Die Straße dorthin ist die, die wir suchen.

„Et voilà!“ Die uns genannte Straße führt direkt hier durch Zarzis an einem im Internet eingetragenen Einkaufszentrum vorbei.
„Na, wunderbar. Dann haben wir das schnell erledigt“, denken wir.
Das Einkaufszentrum entpuppt sich als ein paar abgewrackte Marktstände und macht nicht den Eindruck, dass man hier etwas anderes kaufen könnte, als Konservendosen und altes Gemüse. Hier kommen wir nicht weiter.
Von einen Händler, der beim Kartenspiel vor seinem Laden sitzt, bekommen wir genauere Auskunft. „Ihr müsst etwa 5 km in Richtung Ben Guerdane fahren. Dann kommt ihr zu einem Stadion. Dort ist ein Geschäft, in dem ihr alkoholische Getränke kaufen könnt.“
Die libysche Grenze liegt nicht gerade auf unserer Route. Wir überlegen, ob wir 10 km Umweg für zwei Flaschen Wein in Kauf nehmen wollen. „Das ist ja Wahnsinn!“ Wir nehmen die Herausforderung an und betrachten diesen Umweg als Horizonterweiterung.
Da wir ja schon auf der richtigen Straße stehen, brauchen wir ihr nur in Richtung Osten zu folgen. Dreimal kommen wir an Polizeiabsperrungen vorbei. An einer dieser steht ein aufgerüsteter Panzer, bereit zum Einsatz.
An jeder Sperre werden wir mit einer freundlichen Geste durchgewunken.
Dennoch bekommen wir nun ein mulmiges Gefühl. Offensichtlich fahren wir durch ein Gebiet, das nicht als besonders sicher vor Übergriffen gilt.
Endlos lang scheint uns der Weg, bis wir die hohen Scheinwerfer eines Stadions auftauchen sehen. Und tatsächlich gibt es vor dem Stadion eine hohe Mauer, die mit abgebrochenen Glasflaschen geschmückt ist. In der Mauer ist ein sichtdichtes Stahltor mit vielen Schildern, auf denen bissige Hunde und Kameras abgebildet sind. „Na, welch ein netter Empfang.“
Wir fahren in den Sündenpfuhl hinein, werden freundlich herein gebeten und an die Regale mit Weinflaschen geführt, auf denen immer zwei Preise aufgeführt sind. Ein Preis, der jeweils höhere, ist für die Wiederverkäufer, der niedrige Preis gilt für die Selbstverbraucher.
Wie immer suchen wir uns zwei Flaschen Wein nach Herkunft und Etikett aus, da wir uns bei tunesischen Weinen sowieso nicht auskennen, nehmen noch zwei Dosen Celtic-Bier mit und fühlen uns, da wir hier nicht gerade die einzigen Kunden sind, nicht mehr so sündigend, diese Waren gekauft zu haben. Viele Autos fahren hier auf der gut ausgebauten Straße, die bis zur libyschen Grenze führt, aber nur ganz wenige fahren hier weiter. Das höchste Verkehrsaufkommen führt . . . durch das stählerne Tor auf den Hof des Alkoholgeschäftes.

Der Alkoholladen von Zarzis

Der Alkoholladen von Zarzis

Polizeifahrzeug

Polizeifahrzeug

© Michael Bünte, 2022
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wir starten in Hamburg und reisen mit einem Toyota HZJ78 über Neapel nach Tunesien. Dieses ist der Bericht unserer zehnwöchigen Reise.
Details:
Aufbruch: 06.04.2022
Dauer: 10 Wochen
Heimkehr: 17.06.2022
Reiseziele: Tunesien
Der Autor
 
Michael Bünte berichtet seit 5 Monaten auf umdiewelt.
Bild des Autors
Aus dem Gästebuch (3/4):
Pollensa07 1656508686000
Ein span­nen­der Urlaub ist zu Ende, der mich tief in das tu­nesische Leben mit­ge­nom­men hat. Vor Jahren war ich selbst schon einmal als Pauschal­tou­rist in diesem Land und habe einige Orte wie­derer­kannt. Sehr be­ein­druckt haben mich damals der antike Stein­bruch mit diesen warmen, gol­de­nen Farben. Das alles habe ich jetzt während Eurer Ur­laub­sta­ge wieder mi­ter­le­ben dürfen­.Ja, damals war dort alles noch of­ffi­zell geö­ffnet. Aber ich kann mich e­rin­nern, dass sich einige Tou­ris­ten unserer Rei­seg­rup­pe dort an spitzen Steinen und nied­ri­gen "Decken" ver­letzt haben. Von Eurem Stil her ist alles so aut­hentisch, dass man sich vom Lesen gar nicht los­rei­sen kann. Danke für diese inte­res­sante Reise!
Ulrike Schmittmann 1654715989000
Vielen Dank, dass ich in Ge­dan­ken mit­rei­sen kann durch Tu­nesi­en!
Ich habe alle Berich­te von eurer Reise versch­lun­gen­!
Lie­be Grüße an euch!
Jana 1654249320000
un­glaub­lich tolle Ur­laub­sbil­der! Ein spitzen Fo­tog­raf! Man hat das Gefühl mit dabei zu sein und von dem Alltag zu ent­flie­hen! Genießt euer Ab­tente­uer