2022 Mit einem Geländewagen durch Tunesien

Reisezeit: April - Juni 2022  |  von Michael Bünte

zu den Berbern: Gabès, die Küstenoase

Übernachtung am Strand bei Gabès

Übernachtung am Strand bei Gabès

Abschied von Gerhard

Ab jetzt sind wir auf uns allein gestellt. Gerade haben wir uns von Gerhard verabschiedet, der sich auf den Weg zurück zu seiner Martina gemacht hat.
Wir winken noch lange, mit einem Tränchen in den Augen, seinem weißen Toyota nach, bis er hinter einem Palmenbüschel in den Sanddünen am Strand verschwunden ist.
Da sitzen wir nun. Es fühlt sich irgendwie leer an. Mehr als drei Wochen hatten wir eine gute, angenehme Zeit miteinander. Die Erlebnisse, unsere Sprüche, unsere Eigenarten gehen uns durch den Kopf. Wir brauchen jetzt einen Tapetenwechsel, etwas ganz anderes als das, was wir mit Gerhard gemacht haben. Wir brauchen einen Plan und beschließen, dass auch wir jetzt zügig von hier aufbrechen werden, um uns heute am Tag des Fastenbrechens in den Souks der nächstgelegenen größeren Stadt “Gabès“ umzusehen. Außerdem können wir dort unsere frischen Vorräte wieder aufstocken, die bis auf wenige Reste aufgebraucht sind.

Ankunft in Gabès

Der von vielen gelobte Campingplatz, den wir als erstes in Gabès ansteuern, ist seit Jahren geschlossen, erklärt uns eine vielköpfige, chic angezogene Familie, die gerade zu ihren Großeltern unterwegs ist. Eine Übernachtung in der Stadt wäre nur in einem Hotel möglich; nicht gerade das, was wir uns vorgestellt haben.
Vor dem völlig verlassenen Bahnhof der Stadt, vielleicht hält hier einmal pro Woche ein Zug, finden wir einen Parkplatz, auf dem wir meinen, unseren Wagen sicher stehen lassen zu können. Wir machen uns auf in Richtung Altstadt.

Die große Moschee von Gabès

Die große Moschee von Gabès

Eine Gasse in Gabès

Eine Gasse in Gabès

Feuer im Souk

In den Souks sehen wir als erstes schwarzen Rauch aus einem der Gebäude aufsteigen, vor dem ein großer Berg Körbe und kamelartige Kuscheltiere aufgetürmt ist. Jetzt fällt uns auch auf, das wir schon häufiger über große Pfützen steigen mussten, und dass uns in den engen Gassen Wasser entgegengelaufen kam. Und jetzt stehen wir hinter einer riesigen Menschenmenge, die hierher gekommen ist, um sich die Verwüstung anzusehen. Von dem alten Souk hängen die schwarzen Gerippe der Deckenkonstruktion wie das Skelett eines Urtieres auf die Straße herab.
Leere dunkle Fensteröffnungen sehen uns an. Überall auf dem zentralen Platz verteilt liegen halb verbrannte Türen, Fensterrahmen und Berge von Waren aus dem Souk. Alle einstigen Zugänge sind mit Feuerwehrwagen versperrt. Hier ist alles zerstört und für die nächste Zeit findet in diesem Souk bestimmt kein Marktleben mehr statt. Wie viele Existenzen sind hier heute morgen kaputt gegangen? Wieviel Leid ist entstanden?
Wie geprügelte Hunde machen wir uns auf den Weg zurück zu unserem Auto, und werden kurze Zeit später von vier gut proportionierten Damen mittleren Alters aus ihrem Auto heraus angesprochen, ob sie uns zum Essen einladen könnten. „Danke, das ist ja sehr nett gemeint.“ Wir lehnen höflich ab. Das eben Erlebte müssen wir erst einmal mit uns allein verdauen.

schwarzer Rauch aus den Toröffnungen

schwarzer Rauch aus den Toröffnungen

Treffen an der Unglücksstelle

Treffen an der Unglücksstelle

. . . wie viele Existenzen sind hier heute morgen kaputt gegangen?

. . . wie viele Existenzen sind hier heute morgen kaputt gegangen?

Moderne Feuerwehren in den Gassen

Moderne Feuerwehren in den Gassen

im Café

Später dann werden wir von einem sonnenbebrillten Mittvierziger auf deutsch angesprochen: „Ihr kommt doch aus Hamburg?“
„Woher wissen Sie das?“
„Ich habe Euch vorhin mit Eurem Toyota mit hamburger Kennzeichen durch die Stadt fahren sehen.“ Wir setzen uns zu ihm an den Tisch.

Ich besorge zwei Tassen Kaffee . . . bei deren Zubereitung ich besser nicht zugesehen hätte. Die Finger des Mannes hinter dem Tresen griffen bis zum Boden in beide Tassen hinein, als er sie aus dem Regal holte. Während der Zubereitung blies er immer wieder blaue Qualmschwaden auf die Tassen. Das Wechselgeld kramte er aus einer Hosentasche, die bestimmt schon längere Zeit kein Waschwasser gesehen hatte. Und immer die Zigarette bei der Kaffeezubereitung zwischen zwischen den Fingern. Die beiden Kaffeebecher hatten einen leicht klebrigen Rand von der vorherigen Benutzung. „Lieber Gott, lass uns jetzt bitte nicht krank werden!“

Jetzt sitzen wir bei dem Fremden, der in Hamburg studiert hat, an einer von knatternden Motorrollern befahrenen Straße am Tisch und sehen auf das Treiben um uns herum, heute am größten Feiertag der Moslems.
Die ganze Stadt ist in Sonntagsstaat durch die Stadt flanierend oder mit ganzen Familien auf Motorrollern sitzend unterwegs. Die Kinder sind herausgeputzt. Mädchen laufen in goldbesetzten Kleidchen mit passendem Handtäschchen und Haarschleifen an den Händen der Erwachsenen. Die Jungen, alle perfekt frisiert mit Undercut oder ausrasierten Scheiteln spazieren artig in ordentlichen Hosen und gebügelten Hemden neben ihren Eltern her. Ältere, meist außerordentlich rundliche Frauen sind mit farbenfroh ornamentierten Tüchern behängt oder tragen mit Brokatspitzen besetzte Umhänge, über die goldenes Geschmeide in der Sonne blitzt, und deren Männer tragen traditionelle Kaftane zu Sneakers und Schirmkäppi oder manchmal einen Fez, die typische rote randlose Kappe der arabischen Welt.

Ein älterer Herr im Sonntagsstaat

Ein älterer Herr im Sonntagsstaat

Das Leben ist wieder da

Das Leben ist wieder da. Die Cafés an den Straßen sind wieder gefüllt. Männer sitzen wieder in Gruppen beim Kartenspiel zusammen. Familien lassen sich in mit bunten Herzen geschmückten Kutschen durch die Straßen fahren. Plötzlich sind in den Geschäften die Auslagen wieder gefüllt, alle Rollläden und Garagentore mit den Geschäften dahinter sind wieder geöffnet. So muss es sich nach einer Währungsreform angefühlt haben. Auf einen Schlag ist alles im Überfluss wieder vorhanden.
Die Menschen in den Straßen sind ausgelassen, begrüßen sich mit Handschlag, Vierfachküsschen und umarmen sich. War da nicht mal was wie Corona, Abstand halten, und Maskenpflicht?
Hier zeugen nur noch die Plakate und Hinweise in Geschäften und an offiziellen Gebäuden von der Verpflichtung zum Tragen einer Schutzmaske. Nur ganz vereinzelt sehen wir noch die “Schnutenpullis“ vor dem einen oder anderen Gesicht. Corona ade? Nein, eigentlich nicht. Wir versuchen immer noch nicht zu sehr ins Gedränge zu geraten und den größtmöglichen Abstand zu anderen zu halten.

Das Leben in den Cafés ist wieder da

Das Leben in den Cafés ist wieder da

Hübsch herausgeputzte Kinder zum 1. Tag des Fastenbrechens

Hübsch herausgeputzte Kinder zum 1. Tag des Fastenbrechens

Sonntagsbesuch bei den Großeltern

Sonntagsbesuch bei den Großeltern

Henna Tattoo einer Kassiererin

Henna Tattoo einer Kassiererin

endlich wieder Brik backen

endlich wieder Brik backen

© Michael Bünte, 2022
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wir starten in Hamburg und reisen mit einem Toyota HZJ78 über Neapel nach Tunesien. Dieses ist der Bericht unserer zehnwöchigen Reise.
Details:
Aufbruch: 06.04.2022
Dauer: 10 Wochen
Heimkehr: 17.06.2022
Reiseziele: Tunesien
Der Autor
 
Michael Bünte berichtet seit 5 Monaten auf umdiewelt.
Bild des Autors
Aus dem Gästebuch (3/4):
Pollensa07 1656508686000
Ein span­nen­der Urlaub ist zu Ende, der mich tief in das tu­nesische Leben mit­ge­nom­men hat. Vor Jahren war ich selbst schon einmal als Pauschal­tou­rist in diesem Land und habe einige Orte wie­derer­kannt. Sehr be­ein­druckt haben mich damals der antike Stein­bruch mit diesen warmen, gol­de­nen Farben. Das alles habe ich jetzt während Eurer Ur­laub­sta­ge wieder mi­ter­le­ben dürfen­.Ja, damals war dort alles noch of­ffi­zell geö­ffnet. Aber ich kann mich e­rin­nern, dass sich einige Tou­ris­ten unserer Rei­seg­rup­pe dort an spitzen Steinen und nied­ri­gen "Decken" ver­letzt haben. Von Eurem Stil her ist alles so aut­hentisch, dass man sich vom Lesen gar nicht los­rei­sen kann. Danke für diese inte­res­sante Reise!
Ulrike Schmittmann 1654715989000
Vielen Dank, dass ich in Ge­dan­ken mit­rei­sen kann durch Tu­nesi­en!
Ich habe alle Berich­te von eurer Reise versch­lun­gen­!
Lie­be Grüße an euch!
Jana 1654249320000
un­glaub­lich tolle Ur­laub­sbil­der! Ein spitzen Fo­tog­raf! Man hat das Gefühl mit dabei zu sein und von dem Alltag zu ent­flie­hen! Genießt euer Ab­tente­uer