2022 Mit einem Geländewagen durch Tunesien

Reisezeit: April - Juni 2022  |  von Michael Bünte

In die Sahara

TAG 15 - von Nefta nach Douz

Es ist erst halb 5 Uhr morgens, als alle hier vom Ruf des Muezzin zum Morgengebet gerufen werden. Ich liege unter meiner leichten Decke und blicke durch die Moskitonetze des Zeltdaches in die Palmen. Schauerlich klingen die muslimischen Gesänge durch das Dunkel während meine Gedanken durch den vorherigen Tag streifen.

Wir hatten in Nefta eine laute Nacht hinter uns gebracht. In dem tagsüber geschlossenen Café “La Corbeille" gegenüber des Platzes, auf dem unsere Fahrzeuge standen, hatte um 10 Uhr abends eine Shisha-Bar ihre Türen geöffnet. Viele Motorräder, einige ohne Auspufftopf, stellten sich nach und nach ein, und erst gegen 4 Uhr morgens fuhren die letzten von Ihnen mit großem Hallo und lautem Geknatter noch fünf Mal die Straße herauf und herunter, bevor sie uns endlich in die Nachtruhe entließen.

Ich denke daran, dass wir uns etwas angeschlagen ohne Frühstück auf den Weg machten und außerhalb der Stadt auf einer abseits gelegenen Sandpiste so installieren konnten, dass wir in dem wenigen Schatten, den die Geländewagen in der heißen, hellen Sonne spendeten, frühstücken konnten.

. . . abseits der Sandpiste

. . . abseits der Sandpiste

Frühstück im Schatten der Fahrzeuge.

Frühstück im Schatten der Fahrzeuge.

Dann fuhren wir zum Chott el-Jérid, dem großen blauen Fleck auf den Landkarten Tunesiens, um auf der Straße P16 auf einem Damm . . . über ihn hinweg zu fahren. Der Chott el-Jérid, der größte Salzsee der Sahara, ist einer der menschenfeindlichsten Gebiete, die wir bisher gesehen haben. Auch soll es gefährlich sein, ihn abseits der Befestigungen zu überqueren. Es wird berichtet, dass schon ganze Kamelkarawanen in ihm verschwunden seien.

Bei unserer Überquerung des Sees herrschte gestern ein starker Sturm. Der Sand fegte über den schmalen Damm. Der vorausfahrende Toyota von Gerhard wurde von der undurchsichtigen Luft fast vollständig verschluckt und schien sich im Nichts zu bewegen. Der Himmel war nur noch ein undefinierbares Grau. Links und rechts weiß schimmernde Wassertümpel. Eine Ebene Fläche bis zum Horizont. Und die Temperaturanzeige stieg auf 38 Grad.

Durch den Chott el-Jérif

Durch den Chott el-Jérif

Der ausgetrocknete Salzsee.

Der ausgetrocknete Salzsee.

Kunst auf dem See.

Kunst auf dem See.

auch hier die Souvenir-Shops.

auch hier die Souvenir-Shops.

Der Souvenirhändler.

Der Souvenirhändler.

schlechte Sichtverhältnisse bei salzhaltiger Luft.

schlechte Sichtverhältnisse bei salzhaltiger Luft.

Nach 40 Kilometern erreichten wir schließlich das gegenüber liegende Ufer und waren nach weiteren 30 Kilometern in Douz angekommen. Douz ist auf dieser Strecke der letzte größere Ort vor der Sahara.
Der Campingplatz hier ist gut besucht. Etliche Off Road-Fahrzeuge in allen Größen und Ausstattungen haben sich eingestellt. Defender, Iveco, Mercedes G4, Quads, und eine Menge Toyota stehen aufgereiht wie auf einer Off_Road-Messe. Verschiedenste Dachzelte und Kabinenaufbauten sind zu besichtigen und es wird gefachsimpelt, wo die Vorzüge der einzelnen Fahrzeuge liegen und wie man am besten zum „verlorenen See“ kommen kann. Man tut sich zu Gruppe für eine Wüstendurchquerung zusammen.
Die Gespräche finden auf deutsch statt. Etwa 90 % der hier stehenden Geländewagen tragen deutsche Kennzeichen.
Und morgen wird es hier auch Bier zu kaufen geben hatte Achmed, der Besitzer des Camping “Désert“ uns versichert. Eine absolute Seltenheit in einem muslimischen Ort im Ramadan.

Off Road-Fahrzeuge in allen Größen und Ausstattungen haben sich im Camp "Désert" eingestellt

Off Road-Fahrzeuge in allen Größen und Ausstattungen haben sich im Camp "Désert" eingestellt

die Toyota-Meile.

die Toyota-Meile.

TAG 16 - in Douz

Jetzt ist ein neuer Tag. Wir machen eine Fahrpause, um Zeit für den großen wöchentlichen Markt von Douz zu haben, um zu begreifen, wo wir hier überhaupt gelandet sind und um uns auf die Fahrt in die Sahara vorzubereiten. Es weht ein starker, böiger Wind, der viel Sand mit sich führt und den Himmel milchig grau werden lässt.

Der Markt wird immer donnerstags auf dem zentralen, quadratischen Platz der Stadt abgehalten. Ein Meer von Ständen, an denen die Händler ihre Waren feilbieten. Kleidung, Schuhe, Hausrat, Töpfe, Geschirr wird hier unter der Sonne ausgebreitet. Nahrungsmittel wir Obst, Gemüse und Gewürze bekommt man in den wimmelnden Straßen außerhalb des Marktes.

Wochenmarkt in Douz.

Wochenmarkt in Douz.

Gewürzstand

Gewürzstand

Händler

Händler

Obsthändler

Obsthändler

Gemüsehändler

Gemüsehändler

Auch außerhalb des Marktplatzes, unter Palmen, findet ein Viehmarkt statt.
Hier stehen Gruppen von Schafen und Ziegen, die von den Käufern betastet, hochgehoben und geprüft werden, bevor sie nach abgeschlossenem Handel an den Ohren oder an einem der Hinterfüße zum Pickup gezerrt werden. Lämmer werden von ihren Müttern getrennt. Sie stehen noch lange rufend zwischen anderen eng zusammengepferchten Tieren auf den Ladeflächen der Fahrzeuge. Viele Schicksale werden hier besiegelt. Wer weiß, wie viele der Tiere hier den Abend dieses Tages nicht mehr erleben werden.

Viehmarkt in Douz

Viehmarkt in Douz

Besiegelte Schicksale

Besiegelte Schicksale

In der Geflügelecke ein ähnlich erschreckendes Bild. Lebende Hühner liegen in Bündeln, mit zusammengebundenen Füßen, auf dem Boden und werden dann, kopfüber hängend, auf Motorrädern abtransportiert.
„Oh Mensch, was bist Du für eine grausame Kreatur.“

Geflügel auf dem Viehmarkt in Douz

Geflügel auf dem Viehmarkt in Douz

Da gefällt uns der Händler sehr viel besser, der uns in seinem Laden bunte Tücher verkauft, aus denen man sich einen Turban gegen die Sonne binden kann. Liebevoll stellt er uns seine Katze mit ihren drei Jungen vor. Die haben auf dicken Kamelhaarteppichen liegend ein gutes Leben bei ihm.

Der Tuchhändler und Katzenfreund

Der Tuchhändler und Katzenfreund

Liegestätte auf Kamelhaardecken

Liegestätte auf Kamelhaardecken

Den Nachmittag verbringen wir im Camp. Bis auf drei, vier Wagen ist der Platz jetzt wie leergefegt. Wir sind praktisch unter uns. Wir waschen unsere durchgeschwitzten T-Shirts und prüfen Filter und Ölstände an den Fahrzeugen. Ein friedlicher Tag, bis gegen 16 Uhr eine Gruppe Italiener auf den Hof rollt, fünf Fahrzeuge stark. Sie installieren sich. An langen Tischen wird “Klein Italien“ aufgebaut. Dann kommen mehr und mehr Geländewagen der “Adventure Tours Desartica“ auf das Camp gerollt, bis schließlich kein Platz mehr frei ist. Insgesamt sind es 23 Fahrzeuge mit 45 Personen, die sich jetzt zusätzlich auf dem Platz ausgebreitet haben und die beiden Duschen und die vier Toiletten mit den anderen teilen. Aber es funktioniert irgendwie doch.

Das für heute Nachmittag versprochene Bier haben wir dann doch nicht bekommen. Zu viele Reisende haben ihre Vorräte mit großen Mengen dieses beliebtes Getränks aufgestockt. Also bleiben wir bei etwas zu hoch temperiertem Rotwein.

TAG 17 - von Douz aus in die Sahara

Es ist ganz still heute Morgen, als ich um halb 6, nachdem der Muezzin meinen Schlaf mit seinen Gesängen beendete, zur Dusche gehe. Die gesamte italienische Gesellschaft liegt in ihren Dachzelten. Tische und Stühle von den abendlichen Gelagen stehen noch herum. Nichts regt sich. Die Luft ist warm, der sandige Wind hat nachgelassen. Ein blauer Himmel spannt sich über den von der Morgensonne beschienenen Palmen.

Nach und nach kriechen Gestalten mit kleinen Augen aus den Zelten, um sich auf den Weg zum Waschhaus machen, oder einfach nur müde vor ihren Kaffeetassen zu sitzen. Wir werden von Robert, dem Fahrer eines roten Iveco aus Dresden angesprochen, ob wir mit ihm und seiner Familie zum Tembain fahren würden. Der Tembain ist ein Tafelberg in einer atemberaubenden Landschaft des Nationalparks “J’bil“. Robert hat Wüstenerfahrung. Er ist mit seiner Frau Sabine und den beiden halbwüchsigen Kindern Siri und Hannes in ihrem sehr geländegängigen Fahrzeug hier unterwegs.

Unsere kleine Gruppe hält Kriegsrat. Wir beschließen mitzumachen. Denn der Nationalpark ist auch für uns ein attraktives Ziel und es ist immer sicherer, mit mehreren Fahrzeugen und mit erfahrenen Fahrern in die Wüste zu fahren. Nach einem schnellen Frühstück geht es also in einem Trupp von drei Fahrzeugen in die Stadt um die Dieseltanks zu füllen und um Trinkwasser und frisches Brot einzukaufen. Es dauert allerdings noch eine halbe Stunde, bis die Bäckerei im Ort ihre Gitter öffnet und wir die 6 Brote für je 300 Dinare, also 9 Eurocent pro Stück, in den Arm gedrückt bekommen.

Dann fahren wir los, zunächst auf einer Asphaltstraße bis zum Café “Porte du Désert“. Der Espresso dort ist hervorragend und es gibt eine exklusiv eingerichtete saubere Toilette. Von hier aus ist die Straße dann eine befestigte Sandpiste, die bis zum Eingang des Nationalparks führt. Dieser Teil des Parks ist von einem sich in der Ferne verlierenden Zaun umfriedet, in dem eine Antilopenart ihre Heimat hat, beziehungsweise haben soll. Denn der Zaun ist über lange Strecken gar nicht mehr vorhanden. Nur noch Betonpfähle zeugen von der vor einigen Jahren errichteten Einfriedung. Dennoch dürfen wir nicht durch dieses Gebiet des Nationalparks hindurchfahren und müssen einen Umweg von mehr als 30 Kilometern auf einer Schotterpiste in Kauf nehmen. Immer wieder wird unser Weg durch Sandwehen unterbrochen, über die sich unsere Fahrzeuge arbeiten.

Einfahrtstor in den Nationalpark J'bil

Einfahrtstor in den Nationalpark J'bil

Das Café "Porte du Désert"

Das Café "Porte du Désert"

Blick aus dem Café heraus in die unendliche Dünenwelt der Sahara

Blick aus dem Café heraus in die unendliche Dünenwelt der Sahara

exklusiver Sanitärraum im Sand der Wüste.

exklusiver Sanitärraum im Sand der Wüste.

In großer Entfernung können wir, abseits des Weges, ein Wohnmobil erkennen, um den herum sich Personen bewegen.
„Hat der sich festgefahren?“
Wir nehmen das Fernglas zur Hand.
„Das ist doch der Schweizer im blauen T-Shirt, den ich gestern beim Abwaschen des Geschirrs auf dem Camp getroffen habe.“
„Sollen wir hin und nachsehen, was los ist?“
Wir drehen um und fahren auf einer schmalen Sandpiste etwas 3 Kilometer in die Richtung, in der wir den LKW haben stehen sehen.
Dort angekommen sehen wir das Dilemma. Der Wagen sitzt bis zum Bauch in einer Sandwehe fest. „Wie konnte denn das passieren? Man hätte doch auch an dem Sandhaufen vorbeifahren können.“
„Wir sind das erste Mal in der Wüste. Mein Mann wollte einmal über eine Düne fahren“, war die Antwort der Schweizerin. Doch, sie war etwas “durch den Wind“.
Nun gut, also ist jetzt Buddeln angesagt, zumindest bis die Räder wieder freigelegt sind. Dann werden Abschleppseile und Schäkel aus den Werkzeugkästen hervorgeholt und mit einem kräftigen Zug kommt der LKW wieder auf festen Boden. Wir begleiten das schweizer Paar noch bis zur befestigten Schotterpiste, bevor wir unseren Weg zum Tembain fortsetzen.

Asphaltstraße durch die Sahara.

Asphaltstraße durch die Sahara.

"Mein Mann wollte einmal über eine Düne fahren"

"Mein Mann wollte einmal über eine Düne fahren"

eingebuddelt

eingebuddelt

Jetzt fahren wir ohne jegliche Piste, über eine Ebene aus kleinen Steinen, immer am Zaun entlang. Dann verlassen wir das Gebiet des Nationalparks. Es geht, nur von Wegpunkten des Navigationsgerätes geleitet, über ebene Schotterfelder und zwischen mit Tamarisken bewachsenen Sanddünen hindurch in die Wüste. Nach etwa zwei Stunden sind im Dunst des Horizontes mehrere Tafelberge zu erkennen. Der größte unter ihnen ist der Tembain, unser Ziel, das wir eine Stunde vor Sonnenuntergang erreichen.

Noch lange sitzen wir am Lagerfeuer, für das die beiden Kinder Hannes und Siri trockenes Holz zusammengesucht haben. Bis auf die Geräusche des kalten Windes, der hier über den Pass weht, herrscht absolute Stille. Über uns ein funkelnder, mondloser Sternenhimmel in dem hin und wieder Sternschnuppen Wünsche wahr werden lassen.

Sandpiste in der Sahara

Sandpiste in der Sahara

aus dem Fenster

aus dem Fenster

Der Tembain am Horizont

Der Tembain am Horizont

Lagerplatz unter dem Tembain.

Lagerplatz unter dem Tembain.

Tagesausklang

Tagesausklang

TAG 18 - in der Sahara

Wie geht es heute weiter? Zurück nach Douz oder soll unser neues Ziel der so genannte “Verlorenen See“ sein, eine artesischen Quelle, aus der seit einer Probebohrung vor Jahrzehnten permanent fossiles warmes Wasser aus dem Sandboden sprudelt, das in einem Bassin aufgefangen wird, in dem man auch baden kann. Wir beschließen erstens, dass wir zum See fahren wollen, schließlich sind wir ja hier, um Entdeckungen zu machen, zweitens, dass wir nicht die einfache Route nehmen wollen, die in einem großen Bogen um die Sanddünen herumführt. Wir wollen versuchen, die Dünengürtel zu überqueren. Die richtigen Fahrzeuge dafür haben wir ja mitgebracht.

Bevor wir losfahren wird erst einmal Luft aus den Reifen abgelassen, so dass nur noch 2 bar des Luftdrucks von den vorher 3,6 bar verbleiben. Das müssen wir machen, um die Reifen vor den großen, scharfen Steinen der Schotterfelder zu schützen und um im Sand der Dünen eine größere Kontaktfläche der Reifen zu haben.
Unsere Reifen bekommen dicke Wülste. Es sieht gar nicht mehr gesund aus, doch ist der Griff merklich besser als vorher. Auch wickelt sich nun das Reifengummi wie ein labberiges Tuch um spitze Steine herum anstatt von ihnen aufgespießt zu werden. Nur darf man mit diesem geringen Luftdruck nicht auf langen Strecken schnell fahren. Und das werden wir hier ja bestimmt nicht machen. Auch müssen wir jetzt darauf achten, nicht zu ruckartig zu lenken, damit sich kein Sand zwischen Reifen und Felge setzt, und dieser dadurch undicht wird.

Das Gummi der Reifen legt sich wie ein labberiges Tuch um die spitzen Steine herum

Das Gummi der Reifen legt sich wie ein labberiges Tuch um die spitzen Steine herum

Die Motoren werden gestartet. Es geht eine Zeit lang durch eine endlose Ebene aus kleinen Sandhügeln hindurch, zwischen denen wir uns eine kurvenreiche Bahn suchen. Dann erreichen wir eine Sandpiste und schließlich kommen wir zum “Camp Mars“, einem großen Zeltlager, in dem abenteuerlustige Touristen, die von den umliegenden Städten mit Geländewagen hierher gebracht werden, Wüstenübernachtungen buchen können. Und nun kommen wir in den ersten Dünengürtel.

Steil geht eine Fahrzeugspur die Sandberge empor. Es ist kaum zu glauben, wie sich der Iveco von Robert mit aufheulendem Motor stark schwankend heraufarbeitet. Gerhard ist als nächster dran und dann fährt auch unser Toyota das erste Mal mit uns in die hohen Dünen.
Wir fahren mit eingeschaltetem Allrad und Untersetzungsgetriebe hinterher.
Mit laut aufheulendem Motor bewegt sich die lange Motorhaube des Fahrzeugs gegen den Sandberg, unvermittelt hebt sie sich wie bei einem Schiff in großen Wellen nach oben, und dann fahren wir ohne Durchdrehen der Räder, mit langsamer Bewegung, immer der vorgelegten Spur folgend, die Düne herauf. Wir erreichen eine Kuppe des Sandbergs. Der Wagen kippt nach vorne über, sinkt in die nächste Kuhle und weiter geht die Kletterei Welle für Welle, höher und höher hinauf, bis wir bei den beiden anderen Fahrzeugen angekommen sind, die auf einer festen Schotterebene auf uns warten. Vier Daumen gehen nach oben. Wir haben uns als Anfänger nicht zu dumm angestellt.

Dort oben geht es weiter über Stock und Stein, beziehungsweise über Schotter und Sand, immer weiter in die Dünen hinein. Vor uns der Iveco, der gerade noch auf einem Sandkamm entlangfuhr, hat plötzlich ein Problem. Er ist in weichem Sand links abgeglitten und hat sich mit durchdrehenden Rädern festgefahren. Robert deutet mir an, dass ich vorbeifahren solle. Mit Schwung rausche ich in die Senke neben dem Iveco, auf der anderen Seite mit aufheulendem Motor wieder hinaus und setze unseren Geländewagen vor das schwere Fahrzeug. Ein Abschleppseil wird angebracht. Mit kurzem, unterstützenden Zug ist der Iveco nach etwa vier Metern wieder frei.

Auch bei dieser Aktion haben wir uns nicht zu dumm angestellt.

Der erste Dünengürtel ist geschafft. Jetzt geht es weiter, über mit kleinen Buckeldünen bestückten Schotterflächen, in Richtung Süden.
Ein Kamel mit seinem Kleinen steht unvermittelt in unserer Nähe. Das Muttertier hebt den Kopf in unsere Richtung, schätzt ab, ob es mit seinem Kleinen wohl fliehen müsse, und bleibt dann doch bei den Tamarisken, von denen sich die beiden hier und da ein Zweiglein abzupfen. Ein friedliches Bild, wie in einem Bilderbuch gemalt. Hier ist es die Wirklichkeit.

Jetzt führt unser Weg auf den zweiten Dünengürtel zu. Ein langes, hohes Band aus Sand versperrt wieder unseren Weg zum Verlorenen See. Die Spur des Iveco von Robert führt um Sandberge herum und über viele bis zu zwei Meter hohe Bodenwellen. Wir nehmen die nächste Düne in Angriff. Der Motor heult auf, damit der Wagen genügend Schwung bekommt, sich emporarbeiten zu können. Oben, kurz vor dem Gipfel darf der Wagen kaum noch Geschwindigkeit haben, damit er nicht über den Zenit hinweg schießt, sondern sich mich einer sanften Kippbewegung wieder nach unten bewegt.
Es ist wie ein Spiel in den Wellen und erinnert sehr an Paddeln in hoher See, nur eben mit einem motorisierten Fahrzeug.
Gas geben, emporsteigen, Druck wegnehmen, kippen, fallen lassen und wieder Gas geben. Unser Toyota macht bisher eine gute Figur.

Aber so unproblematisch wie bisher geht es nicht weiter. Die nächste Höhe liegt unmittelbar hinter einer Linksbiegung. Die Strecke ist nicht lang genug um ausreichend Schwung zu holen. Kurz, bevor ich den Gipfel der Düne erreiche “verhungert“ der Motor im zweiten untersetzten Gang. Er würgt ab. Wir hängen in steiler Schräglage im Sand. Im Rückwärtsgang drehen trotz Allrad die Räder durch und wühlen sich tiefer in das pulverige Material hinein.

Jetzt helfen nur noch die Differentialsperren, die bewirken, dass sich die Räder einer Achse nicht mehr einzeln frei drehen können. Langsam kommt das Fahrzeug in Bewegung und gleitet rückwärts wieder hinunter, um dann soweit wie möglich durch die Senke hindurch immer noch rückwärts wieder bergan zu fahren. Jetzt haben wir eine bessere Position, da wir nicht erst um die Biegung vor dem Anstieg müssen.
Dieses Mal lege ich den ersten untersetzten Gang ein, um den Motor nicht wieder “verhungern“ zu lassen, starte das Manöver erneut, gebe Gas und erkenne ganz schnell: „Der Wagen ist viel zu langsam, um überhaupt genügend Schwung für die Anhöhe zu bekommen.“
Also stopp, wieder zurück, wieder soweit wie möglich rückwärts die hinter mir liegende Düne hinauf, um dann, mit laut aufheulendem Motor im zweiten Gang erneut auf den Sandberg zu zuschießen. Der Wagen kommt in Fahrt, die große Nase mit dem Toyota-Emblem darauf hebt sich steil nach oben, ich sehe nur noch den blauen Wüstenhimmel durch die Windschutzscheibe. Ich bewege mich ins Nichts, im Vertrauen darauf, dass der Weg unter uns hinter der Düne weiter geht. Der Wagen steigt, steigt und steigt mit laut heulendem Motor, wird langsamer und immer langsamer bis er schließlich in die Kippbewegung kommt und die Konturen der Dünenlandschaft um uns herum wieder sichtbar werden. Vor uns ist wieder die Spur im Sand zu erkennen, der wir folgen. Wir sind durch. Aber jetzt bloß nicht stehenbleiben. Da ist schon die nächste Düne, vor uns, auf die wir hinaufkommen müssen. Allerdings geht es jetzt gerade hindurch, so dass wir genügend Schwung bekommen. Nach 4 weiteren Wellen kommen wir bei den beiden anderen oben wartenden Fahrzeugen an. Das war nicht mehr lustig. Wir beratschlagen, ob wir diesem Weg weiter folgen sollen, der aus insgesamt 20 solchen Dünenquerungen besteht. Die zweite von diesen haben wir jetzt noch nicht einmal geschafft. Vor Sonnenuntergang werden wir bei diesem Vorankommen bestimmt nicht den Verlorenen See erreichen.

Die Vernunft siegt. Wir kehren um, rutschen die bisher erklommenen Dünen wieder herunter, was sich als einfacher herausstellt, als befürchtet, kommen wieder am “Camp Mars“ vorbei und finden einen Platz zum Übernachten unterhalb eines kleinen Tafelberges in einer Senke zwischen bis zum Horizont reichenden, buckeligen Dünen, in denen vereinzelt Tamarisken stehen.
Wir sitzen ein zweites Mal mit Gerhard und der Familie aus Dresden unter dem Sternenhimmel der Sahara beim Lagerfeuer, sind dankbar, dass wir aus allen Situationen heute heil wieder herausgekommen sind und dass unsere Fahrzeuge keinen Schaden genommen haben.

vorbei am "Camp Mars"

vorbei am "Camp Mars"

durch die Sanddünen

durch die Sanddünen

ohne Wege über die Dünen

ohne Wege über die Dünen

der Spur folgen

der Spur folgen

kurzlebige Sandkunst im Wind

kurzlebige Sandkunst im Wind

Camp unter einem kleinen Tafelberg ohne Namen

Camp unter einem kleinen Tafelberg ohne Namen

Leben in der Wüste

Leben in der Wüste

Abendlicht in der Sahara.

Abendlicht in der Sahara.

TAG 19 - immer noch in der Sahara

Um halb sechs Uhr am Morgen schält sich eine blasse, helle Scheibe aus dem Dunst des Horizontes über dem Buckelfeld der Dünen mit den vereinzelten Tamariskenbüschen. Die Sonne ist im mit sandiger Luft beladenem Dunst aufgegangen. Über uns wacht der Tafelberg im Blassblau des Morgenhimmels, über dem eine schmale Mondsichel steht. Wir sind immer noch in der Sahara.

am Morgen schält sich eine blasse, helle Scheibe aus dem Dunst des Horizontes

am Morgen schält sich eine blasse, helle Scheibe aus dem Dunst des Horizontes

Eine Stunde später ist unsere kleine Gruppe wieder versammelt. Wir überlegen, wie es weitergehen soll. Die Idee, von hier aus den Verlorenen See erreichen zu können, verwerfen wir. Jetzt wollen wir die Oase “Ksar Ghilane“ ansteuern, in der man in warmen Thermalquellen im Wasser sitzen kann.
Eine Möglichkeit, dorthin zu gelangen, ist der Weg nach Douz zurück und von dort aus über Schotter und Asphalt ohne eine Dünenüberquerung.
Eine zweite Möglichkeit ist ein im Navi angegebener Track, der am Ende des Zauns vom Nationalpark beginnt. Dieser Weg ist etwa 120 km kürzer, als der über Douz, beinhaltet jedoch die Überquerung von zwei Dünenkämmen, wobei wir nicht wissen, wie die Beschaffenheit des Weges ist, der sich wöchentlich durch wandernde Sanddünen ändert. Nach einem kurzen Frühstück entscheiden wir uns für die kurze Strecke, wollen jedoch am Café „La Tente“ noch Rücksprache mit Durchreisenden nehmen, um diese Entscheidung eventuell korrigieren zu können.

Wir fahren am Zaun des Nationalparks entlang auf einer bis zum Horizont reichenden Ebene, die aus feinem, festen Schotter besteht.
Die drei Fahrzeuge gleiten nebeneinander mit zügiger Geschwindigkeit und leichten Nickbewegungen über die unendliche Fläche, ohne vorgegebene Spur, nur das Ziel im Blick, wie ein Geschwader von drei Schnellbooten bei leichter Dünung auf hoher See. Revolutionäre Gesänge kommen uns in den Sinn, während wir praktisch über den ebenen Wüstenboden schweben. Das Thermometer zeigt 48 Grad.

Wir fühlen uns wie in Schnellbooten, die bei leichter Dünung über die See gleiten.

Wir fühlen uns wie in Schnellbooten, die bei leichter Dünung über die See gleiten.

Wieder sehen wir die schwarzen Körper von wandernden Kamelen am Wege stehen . Dieses Mal ist es eine ganze Gruppe, die sich zwischen den Tamarisken bewegt. Wir fahren etwas näher heran und beobachten lange die großen, sanften Tiere. Doch wissen wir, dass auch diese Tiere, die einen so friedlichen Eindruck machen, sehr wehrhaft sind und auch sehr aggressiv werden können. Es ist ratsam sie zu respektieren und in Frieden weiden zu lassen.

Wieder sehen wir die schwarzen Körper von wandernden Kamelen

Wieder sehen wir die schwarzen Körper von wandernden Kamelen

Nach einem ungenießbaren Kaffee, auf den wir uns im Café “La Tente“ gefreut hatten, erfahren wir von Durchreisenden, dass sie auf dem Weg zum Verlorenen See ein Fahrzeug demoliert haben. Der Weg nach Ksar Ghilane führe über zwei sechzig Meter hohe Dünenkämme und sei befahrbar. Aber es sei nicht leicht. Wir wollen es dennoch versuchen.

Wieder geht es im Zickzack zwischen den Sandbergen hindurch und auch manchmal darüber hinweg. Es ist längst nicht so schwierig wie gestern bei dem Anstieg auf die hohen Dünenkämme. Doch dann verliert sich die Spur. Zuviel Sand hat sich auf die ursprüngliche Piste gelegt, so dass wir nur noch über die im Navi eingegebenen Stützpunkte wissen, in welche Richtung wir fahren müssen.

Wir sind das zweite Fahrzeug in der Reihe, vor uns der rote Iveco von Robert und seiner Familie. Wieder kommen wir in die Situation, dass die von Robert gelegte Spur nach einem starken Linksknick steil einen Sandberg hinaufführt. Der Motor “verhungert“, ich versuche es ein zweites Mal, aber auch jetzt komme ich im aufgewühlten, pulverigen Sand nicht bis auf die Kante der Düne.
Ich steige aus, sehe, dass ich, wenn ich über eine benachbarte Düne fahren würde, sehr schnell und einfach wieder auf Roberts Spur gelangen würde.
Also nehme ich mein Schicksal selbst in die Hand. Mit Schwung fahre ich auf die von mir ausgewählte Düne zu. Der Wagen reckt sich steil gegen den Himmel, beide Vorderräder heben ab, und der Geländewagen setzt sich . . . mit seinem Bauch mitten auf den Grad der Düne. Jetzt bewegt sich nichts mehr. Da helfen auch keine Differentialsperren. Keines der vier Räder hat genügend Kontakt zum Boden, als dass sie irgendeine Bewegung realisieren ließen. Der schwere Wagen liegt dort wie eine Schildkröte auf ihrem Bauchpanzer, die mit ihren Beinen zappelt. Unser Glück ist, dass der Geländewagen mit starken Unterfahrschutzblechen ausgerüstet ist. So ist durch diese Aktion kein Schaden entstanden.

.. . festgefahren. Nichts geht mehr.

.. . festgefahren. Nichts geht mehr.

Buddeln ist angesagt.

Buddeln ist angesagt.

Warten auf die Weiterfahrt.

Warten auf die Weiterfahrt.

Gerhard kommt mit seinem Toyota heran. Er hat eine kräftige Seilwinde vorne an seinem Fahrzeug. Mit kräftigem, unterstützenden Zug bekommen die Reifen wieder Kontakt zu festerem Untergrund. Es dauert nicht lange, und unser Wagen steht wieder auf festem Grund. Noch einmal versuche ich es in der Spur, die der Iveco uns vorgegeben hat, und dieses Mal klappt es den Dünenkamm zu erreichen, ohne mit dem Boden aufzusetzen vorne überzukippen und den Wagen dann „abtropfen zu lassen“, ihn also praktisch ohne Schwung in das nächste Tal hinuntergleiten zu lassen.

Es ist nicht mehr lange bis zum Sonnenuntergang. Wir sind immer noch in den Dünen unterwegs. Der Wind ist stärker geworden, so dass pfeifend Sandböen über die Dünenkämme fegen. Wir beschließen, für heute nicht weiter zu fahren und finden auf einer großen Ebene aus feinem Schotter einen Platz für die Nacht, auf dem wir auch bei dem für morgen angekündigten Sandsturm sicher stehen können.
Etwas enttäuscht, unser Ziel nicht erreicht zu haben, heute Abend nicht im warmen Wasser unter Palmen sitzen zu können, kein kaltes Bier in den Händen zu haben, richten wir unsere Fahrzeuge für die Nacht ein und rollen uns in die Schlafsäcke. Der Wind briest auf. Er wird langsam zu einem an den Zeltwänden rappelnden Sturm. Sand prasselt an die Fahrzeuge. Sand ist jetzt überall. Und Sand verteilt sich bis in die kleinsten Ritzen.

Fahren um Sturm.

Fahren um Sturm.

Der Sand verteilt sich bis in die kleinsten Ritzen.

Der Sand verteilt sich bis in die kleinsten Ritzen.

Übernachtungsplatz auf der Schotterebene

Übernachtungsplatz auf der Schotterebene

Kamele am Horizont in der Abendsonne

Kamele am Horizont in der Abendsonne

TAG 20 - immer noch in der Sahara

Draußen heult heute morgen der bereits angekündigte Sturm. Der Sand wird in Schwaden dicht über dem Boden über die Ebene getrieben. Der Himmel ist dunstig - kein Blau bis zum Zenith. Die Sonne ist jetzt nur noch ein milchig heller Fleck über uns. Das Fahrzeug wackelt im Takt der Windböen.
Nein, an diesem stürmischen Tag werden wir uns nicht in die Dünen wagen, über deren Kuppen permanent der Sand geblasen wird, der sich jetzt schon in den Haaren bemerkbar macht und zwischen den Zähnen knirschende Geräusche verursacht.

Für unser Frühstück, das wir trotz allem draußen einnehmen möchten, stelle ich unseren Wagen quer zum Wind. So können wir vor dem Wagen in der bereits wärmenden fahlen Sonne sitzen.
Sabine aus dem Iveco neben uns gesellt sich zu uns. Sie ist ganz besorgt um ihre beiden Männer, die bereits vor über einer Stunde losgezogen waren, um zu Fuss einen Weg durch die Dünen zu finden. Wir versuchen, ihr mit positiven Gedanken die Angst zu nehmen.
„Wir bleiben, bis die beiden wieder hier sind“, versichern wir.
Wir warten, mit unseren Kaffeebechern in der Hand, bis nach einer weiteren halben Stunde, zwei sich bewegende Konturen am Rand unserer Hochebene auszumachen sind. Gute Laune verbreitend kehren die beiden Kundschafter zurück. „Es wird schwierig, einen Weg zu finden. Die eingetragenen Pisten sind mit hohen Sandbergen verstellt, über die man sich herüber arbeiten muss. Der Weg ist jeden Tag wieder ein anderer. Die Dünen wechseln schnell ihre Formen“
Unsere kleine Dreiergruppe beschließt, heute nicht weiter in die Dünen hineinzufahren. „Wir werden den Weg über Douz nehmen, dort ein paar frische Vorräte einkaufen, und von dort auf der Asphaltstraße zur Oase Ksar Ghilane fahren.“ Robert und seine Familie (also seine Familie eher nicht) will sich noch einmal in die Dünen wagen, um doch noch den kurzen Weg zu dieser Oase zu finden. Da sich unsere Wege jetzt trennen verabschieden wir uns ganz herzlich voneinander.

Unsere beiden Fahrzeuge müssen jetzt nur noch einen Dünengürtel überqueren, um beim Café “La Tente“ wieder auf die feste Piste zu gelangen. Gerhard macht mit seinem Navi den Führer. Er kann viel besser als wir abschätzen, ob die Sandberge, die sich vor uns auftun, zu überqueren, oder zu umfahren sind. Im Zick und zack geht es, immer seiner Spur folgend, durch die Hügellandschaft.
Ich halte kurz an, um ein paar Fotos von den Geländewagen in dieser unwirtlichen Welt zu machen, die wir sonst immer nur in Reisekatalogen bewundert hatten. Und dann ist es passiert. Gerhard ist schon so weit voraus, dass wir den winzigen Punkt aus den Augen verloren haben, und die Spur ist nach den wenigen Minuten vom Wind ausgelöscht. „Oh ha, das war keine so gute Idee.“ Da sitzen wir nun im gleißenden Sonnenlicht und können nur anhand des Sonnenstandes abschätzen, in welche Richtung wir uns halten müssen, um Gerhard wiederzufinden. Das Funkgerät, das wir für einen solchen Fall extra mitgenommen haben, hat mittlerweile leere Batterien und kann uns auch nicht weiterhelfen.

Nach einer gefühlt langen Zeit im gleißenden die Konturen verwischendem Licht, in der wir wie Indianer auf der Spurensuche frische Spuren von alten unterscheiden lernen, finden wir tatsächlich die Profilabdrücke von Gerhards Toyota wieder, die sich aber schnell wieder verlieren, weil es über eine Ebene aus hartem Schotter geht. Hier sind überhaupt gar keine Spuren mehr zu sehen. Wo hat Gerhard dieses Schotterfeld wieder verlassen?

Weit hinten, kurz vor dem Horizont, entdecken wir eine Bewegung in der ansonsten unbeweglichen Welt der Dünen. Dort hinten müssen wir hin, und in diese Richtung müssen wir uns halten. Wir finden wieder eine frische Spur und erreichen Gerhard, der mit seinem Wagen auf einer Anhöhe auf uns wartet.

Jetzt sind wir wieder auf der Straße mit schlechtem Asphalt in Richtung Douz unterwegs. Sandschwaden wabern wie Luftgeister über der Straßendecke. Und immer wieder legen sich die Dünen uns in den Weg. An einigen Stellen haben sich schon meterhohe Sandberge auf dem Asphalt gebildet, die wir abseits der Straße umfahren müssen. Aussteigen ist nicht ratsam. Unsere Waden würden wie von einem Sandstrahlgebläse attackiert.

Wir erreichen Douz, ergänzen unsere Vorräte und holen auch für die Iveco-Familie die bestellten Nahrungsmittel. Hier im Schutz der Gebäude bringen wir auch den Luftdruck in den Reifen wieder auf einen straßentauglichen Wert und lassen unsere Dieseltanks füllen. 18 Liter auf 100 Kilometer bei 70% Dünenfahrt. Ein Schnäpperle - ich hatte mit 25 Litern gerechnet.

Zwei Stunden später rollen wir in die Oase Ksar Ghilane ein. Kurz zuvor wurden wir von einer Horde von Ralleyfahrzeugen mit italienischen Kennzeichen überholt. Vor dem Ort sahen wir schon die Ansammlung der Ralleyteilnehmer, die sich in der unwirtlichen Dünenwelt mit ihren hochmotorisierten Krachmaschinen austoben - Männerspielzeuge in allen Variationen. Auch das Fahrzeug des letzten Gewinners der Paris-Dakar-Ralley hat Gerhard erkannt. Wir sind heilfroh, dass sich die Ralleyteilnehmer außerhalb der Oase in einem eigenen Camp installiert haben.

Jetzt sitzen wir, und das ist wirklich kaum zu glauben, mitten in der Wüste bis zum Hals in einem Teich mit kristallblauem, klaren Wasser. An unseren Füßen spüren wir das warme Quellwasser in den Pool strömen, der eine Temperatur von 32 Grad hat. Über uns sehen wir die Palmenwedel, deren Konturen sich gegen den fahlen Wüstenhimmel abzeichnen. Wir befinden uns in einem Märchen aus 1001 Nacht.
„Genieße den Augenblick und sei Dir dessen bewusst, was Du gerade erfahren darfst. Denn dieser kann kurze Zeit später wieder vorüber sein . . .“

im Quellpool von Ksar Ghilane

im Quellpool von Ksar Ghilane

Eine Horde italienischer Männer verschiedenen Alters springt grölend in den Pool. Einer lauter als der andere, versucht mit rhythmischen Rufen und Gesängen weitere Ralleyfahrer ins Wasser zu locken. Keiner von ihnen hat einen Blick auf die Einzigartigkeit um sie herum. Aber sie haben viel Spaß. Wir treiben noch lange im warmen Wasser. Schließlich müssen wir die seit vier Tagen ausgefallenen Duschen nachholen. Wir bleiben so lange, bis der Pool sich wieder geleert, das Wasser sich wieder beruhigt hat, und die Palmen sich wieder in der kristallenen Oberfläche spiegeln. Dann verlassen auch wir diesen verwunschenen Ort, denn für um sieben Uhr haben wir uns heute Abend zu einem Couscous-Essen in einem kleinen Restaurant dieser Oasenstadt angemeldet.

Couscous auf tunesisch.

Couscous auf tunesisch.

TAG 21 - in Ksar Ghilane

Heute ruft kein Muezzin um halb 5 seine religiösen Weisen. Heute besorgen das die Tauben, die in Heerscharen in den riesigen Tamarisken leben, unter denen wir unser Camp aufgeschlagen haben. Es ist ein permanentes Gurren, das bis durch die Ohrenstopfen dringt und das die Nacht für beendet erklärt.

Endlich angekommen in dieser lange ersehnten Idylle, wollen wir nicht gleich wieder losfahren, sondern diesen Ort noch einen Tag länger auf uns wirken lassen. Ein Tag Fahrpause tut uns bestimmt ganz gut.
Es gibt etwa vier Kilometer von Ksar Ghilane entfernt die Ruine eines römischen Grenzpostens zu besichtigen. Den wollen wir uns heute ansehen. Und dann gibt es ja noch diesen wunderbaren Quellpool, den wir mit vielleicht nicht allzu vielen Mitbadenden nutzen wollen. Auch bekommt man hier in einem der Restaurants sogar im Ramadan Bier ausgeschenkt, und in den Shops hier im Ort sind wir auch noch gar nicht gewesen.
Soweit unsere Pläne für heute.

In einer Backstube erstehe ich heute Morgen drei noch warme Brotfladen für je einen Dinar, so dass der Tag schon mit einem guten Frühstück beginnt. Im roten Iveco, der auch auf diesem Platz neben uns steht, regt es sich. Robert und seine Familie haben gestern den kurzen Weg durch die Dünen auch nicht mehr gefunden und sind, während wir in Douz einkaufen waren, auf der Asphaltstraße an uns vorbeigerauscht. Sie waren gestern eine halbe Stunde vor uns auf diesem Platz angekommen.

Der Eingang zum Camp "Oasis" in Ksar Ghilane.

Der Eingang zum Camp "Oasis" in Ksar Ghilane.

Ibrahim vor seinen Laden.

Ibrahim vor seinen Laden.

in Ibrahims Laden

in Ibrahims Laden

Drei auf Touristen wartende Kamele.

Drei auf Touristen wartende Kamele.

Hunderte auf Touristen wartende Quads.

Hunderte auf Touristen wartende Quads.

Moderne Transportmittel

Moderne Transportmittel

Wir fahren zu den Ruinen des römischen Grenzpostens. Für die vier Kilometer dorthin wollen wir aber nur mit einem Fahrzeug fahren. Gabi setzt sich in den hinteren Raum von Gerhards Toyota. Eine ausgefahrene Piste gibt es nicht. Gerhard muss sich einen Weg durch die Dünenwelt suchen und wieder geht es auf und ab über die Sandberge. Dieses Mal betrachte ich die Fahrt als Beifahrer. Gerhard ist besonders vorsichtig, nimmt an einem Sandhügel aus Rücksicht wegen der hinten sitzenden Gabi zu wenig Schwung, und schon sitzen wir fest. Die Räder graben sich tiefer und tiefer in den Sand. Auch die eingelegten Differetialsperren nutzen nichts mehr. Und wir sind alleine. Hier ist weit und breit kein anderes Fahrzeug.
„Sandbleche?“, meine bescheidene Frage.
„Wir können es ja versuchen“, Gerhards Antwort.
Wir schrauben die beiden Alubleche von ihren Halterungen, graben den Sand vor den Rädern weg, so dass wir die Sandbleche so tief wie möglich unter die Räder schieben können. Ein kurzer Ruck, die groben Reifenprofile greifen, und der Wagen ist auf den Blechen, bekommt dann genügend Schwung wieder festen Untergrund zu fassen, und wir sind wieder draußen.
Das war also unsere heutige Schulungseinheit “Verwenden der Sandbleche“.

In einiger Entfernung sehen wir dann zwei Fahrzeuge in den Dünen stehen. Es ist ein roter Iveco und der weiße Bremach des Berliner Ehepaares vom Campingplatz. Der Bremach, ein kleiner bulliger LKW mit aufgesetzter Wohnkabine hat sich in den Dünen festgefahren. Wir schließen auf und dürfen mitbekommen, wie ein roter Iveco den kleinen LKW aus den Sand zieht, bei dem die Winde nicht mehr funktioniert und auch die Differentialsperre verreckt ist. Gemeinsam fahren wir zu den nicht einmal mehr 500 Meter entfernten alten Mauern und wandern auf ihnen im gleißenden Sonnenlicht herum.

Fahrt durch die Dünen zu den Ruinen eines römischen Grenzpostens

Fahrt durch die Dünen zu den Ruinen eines römischen Grenzpostens

Die Reste der römischen Gebäude.

Die Reste der römischen Gebäude.

Eingangsportal aus römischer Zeit

Eingangsportal aus römischer Zeit

Wieder zurück in Ksar Ghilane möchte die dresdener Familie aus dem Iveco mit den beiden Kindern noch einmal in den Pool springen. Volker, der Fahrer des Bremach, spendiert uns als Dank für die Befreiungsaktion ein kühles Bier aus dem Restaurant. Und so kommt es, dass das von uns seit Tagen aus Jux gemalte Bild “in der hellen Wüstensonne mit einem kühlen Bier in der Hand bis zum Hals im warmen Wasser zu sitzen“ wahr wird.

Nachdem Robert sich dann noch unter den Bremach gelegt und das klemmende Differential ausgebaut hat, damit der kleine LKW überhaupt wieder weiter fahren kann, trennen sich nun endgültig unsere Wege und wir verabschieden uns ein erneutes Mal ganz herzlich voneinander.

Wir bleiben wie geplant den Tag über hier in der Oase, springen in den Pool, waschen Wäsche, plaudern mit den Verkäufern in den Shops und sitzen bis in die Nacht bei gesponnenen Geschichten und erlebten Erfahrungen zusammen. Als uns dann die Kälte uns den Rücken empor kriecht freuen wir uns auf unser kuscheliges Bett.

Nachts am warmen Quellpool von Ksar Ghilane.

Nachts am warmen Quellpool von Ksar Ghilane.

© Michael Bünte, 2022
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wir starten in Hamburg und reisen mit einem Toyota HZJ78 über Neapel nach Tunesien. Dieses ist der Bericht unserer zehnwöchigen Reise.
Details:
Aufbruch: 06.04.2022
Dauer: 10 Wochen
Heimkehr: 17.06.2022
Reiseziele: Tunesien
Der Autor
 
Michael Bünte berichtet seit 5 Monaten auf umdiewelt.
Bild des Autors
Aus dem Gästebuch (3/4):
Pollensa07 1656508686000
Ein span­nen­der Urlaub ist zu Ende, der mich tief in das tu­nesische Leben mit­ge­nom­men hat. Vor Jahren war ich selbst schon einmal als Pauschal­tou­rist in diesem Land und habe einige Orte wie­derer­kannt. Sehr be­ein­druckt haben mich damals der antike Stein­bruch mit diesen warmen, gol­de­nen Farben. Das alles habe ich jetzt während Eurer Ur­laub­sta­ge wieder mi­ter­le­ben dürfen­.Ja, damals war dort alles noch of­ffi­zell geö­ffnet. Aber ich kann mich e­rin­nern, dass sich einige Tou­ris­ten unserer Rei­seg­rup­pe dort an spitzen Steinen und nied­ri­gen "Decken" ver­letzt haben. Von Eurem Stil her ist alles so aut­hentisch, dass man sich vom Lesen gar nicht los­rei­sen kann. Danke für diese inte­res­sante Reise!
Ulrike Schmittmann 1654715989000
Vielen Dank, dass ich in Ge­dan­ken mit­rei­sen kann durch Tu­nesi­en!
Ich habe alle Berich­te von eurer Reise versch­lun­gen­!
Lie­be Grüße an euch!
Jana 1654249320000
un­glaub­lich tolle Ur­laub­sbil­der! Ein spitzen Fo­tog­raf! Man hat das Gefühl mit dabei zu sein und von dem Alltag zu ent­flie­hen! Genießt euer Ab­tente­uer