2022 Mit einem Geländewagen durch Tunesien

Reisezeit: April - Juni 2022  |  von Michael Bünte

Das Cap Bon: Rettungsaktion

Am Strand von Kerkouane

Am Strand von Kerkouane

Auf dem Parkplatz der Ausgrabungsstätte von Kerkouane dürfen wir über Nacht nicht bleiben. Ein Schlagbaum liegt quer davor und eine Wache bedeutet uns, weiterzufahren. Also fahren wir am Parkplatz vorbei in Richtung Meer, landen dort auf einem sandigen Weg, auf dem uns ein junger Mann mit langem schwarzen Bart, gekleidet in einem weißen, bodenlangen Djelaba und weißer Kappe eilig entgegenkommt. Er zeigt auf seinen französischen Kleinwagen, der offensichtlich nicht mehr aus seiner Parklücke herauskommt. Der junge Mann spricht weder französisch noch englisch. Er ruft sofort seine Freundin heran, die im Wagen sitzt. Mit ihr können wir uns unterhalten.
„Wir sitzen fest. Könnt Ihr uns rausziehen?“
„Habt Ihr ein Abschleppseil?“
„Nein, ein Seil haben wir nicht.“
„Ok, ich fahre jetzt hinter Euren Wagen und schlage die Winde an“
Das Mädel übersetzt alles ihrem Freund, der mit allem einverstanden ist, was wir vorschlagen.
Das Dumme ist, dass der Kleinwagen nur eine Öse auf der rechten Seite hat, wir ihn aber über die linke Seite ziehen müssen. Die Winde bekommt Spannung auf das Zugseil, vorsichtig, Schritt für Schritt lasse ich die Winde eindrehen. Der junge Mann sitzt bereits in seinem Wagen und gibt Vollgas, was jedoch nur bewirkt, dass sich das rechte Vorderrad immer tiefer und tiefer in den Sand eingräbt, bis das linke Hinterrad einen dreiviertel Meter in der Luft hängt. Es knirscht gewaltig im Renault. Wenn er jetzt nicht umkippt, bricht er auseinander.
„STOPP!“
Ich überlege noch, was da jetzt falsch gelaufen ist, als ein kleiner LKW sich zu uns gesellt, den der Tunesier wohl parallel zu unserer Hilfsaktion per Handy geholt hat.
Der jungen Frau ist das jetzt wirklich peinlich. Sie fragt uns, ob wir nichts dagegen hätten, wenn der kleine LKW jetzt die Bergung übernehmen würde, und lässt sich damit beruhigen, dass wir kein Problem damit haben.
Der Fahrer des LKW hat einen langen Gurt mitgebracht, hängt ihn ein und zieht den kleinen Wagen ohne dessen Mithilfe aus dem Sand.
In dem Augenblick fällt mir der Fehler auf, der uns unterlaufen ist. Der junge Mann hätte seine Bergung nicht durch eigene Motorkraft unterstützen sollen, jedenfalls nicht so, wie er es gemacht hatte. Dadurch, dass er Vollgas gab, als wir ihn am Haken hatten, sich aber wegen fehlender Differentialsperre nur eines der beiden Vorderräder drehte, hat er seinen Wagen rechts vorne schneller im Sand versenkt, als ich ihn mit dem langsamen, vorsichtigen Zug der Winde herauszog. Ohne sein Zutun hätten auch wir ihn einfach aus dem Loch gezogen.
Mit einem etwas unschönen Gefühl verabschieden wir uns von der Gesellschaft, die mit gegenseitigem Schulterklopfen und Bravo-Rufen ihre Leistung feiert. Das tunesische Mädchen, das mit den Nerven völlig am Ende ist, bedankt sich noch einmal ganz persönlich bei uns für unsere versuchte Hilfestellung.

Installiert für die nächste Übernachtung

Installiert für die nächste Übernachtung

Jetzt sind wir wieder für uns. Wir beschließen, für die Nacht an diesem Strand zu bleiben, zirkeln unseren Geländewagen über eine Sandfläche rückwärts an eine optimale Position, stellen ihn in die richtige Neigung, holen Tisch und Stühle raus und richten uns wohnlich ein. Es ist ganz schnell Nacht geworden. Wir freuen uns über den Mond, über die Wellen des Meeres, über den ruhigen Platz.
In vielleicht 100m Entfernung blenden zwei Scheinwerfer auf. Dann sehen wir Warnblinklichter, wieder die Scheinwerfer. Es ist schon sonderbar, dieses Lichterschauspiel am einsamen Strand.
„Wenn sich da nicht mal einer festgefahren hat,“ unke ich noch, als das Lichterspiel beendet ist.
Fünf Minuten später höre ich Schritte im Sand. „Da ist er. Er sitzt bestimmt fest.“
„Heute gibt es aber keine weitere Bergeaktion. Ich habe keine Lust, das alles noch einmal zu machen. Außerdem ist es jetzt schon dunkel. Man sieht ja gar nichts mehr,“ prasseln die Worte auf mich herab.
Der Angler, der uns gerade bemerkt hat, kommt auf uns zu. Ob wir ihm einen ganz kleinen Schubs geben könnten. Er wolle nach Hause und hat sich im Sand festgefahren.
Ich gucke Gabi an, denke an die Gesetze der Seefahrt, dass es keinen Grund gibt, dem anderen nicht zu helfen, lege zwei große Steine neben die Hinterräder, damit ich genau diese Postion wiederfinden kann und schmeiße unseren schweren Diesel an.
„Das ist die zweite Chance für uns. Jetzt können wir uns doch noch nützlich machen und jemanden aus dem Dreck ziehen. Dieses Mal weiß ich, wie ich es machen muss.“
Der Clio sitzt vorne tief bis über die Schürze im weichen Sand, Die beiden Vorderräder haben praktisch gar keinen Bodenkontakt mehr und haben schon einen kleinen Sandberg neben dem Wagen aufgehäuft.
Ich ziehe ein zweites Mal heute unser Windenseil heraus, hake es ein und sehe den Angler schon in seinem Auto verschwinden.
„Raus da, keine Unterstützung, nur Aufpassen mit der Hand am Lenkrad, dass das gerade bleibt und dass sich die Räder nicht quer stellen.“
Beflissentlich befolgt er meine Anweisungen. Die Winde spannt das Seil und der Clio setzt sich langsam in Bewegung. Wie durch Butter wird er mit unserer Fünftonnenwinde durch den Sand gezogen. Der Angler ist heilfroh, bedankt sich viele Male und fährt, dieses Mal auf dem richtigen Weg, in die Dunkelheit davon. Wir fahren die Winde wieder ein, zirkeln den Wagen rückwärts zwischen die beiden Markierungssteine und stehen so 10 Minuten später exakt an derselben Postion von vorher.
Jetzt können wir den Abend in vollen Zügen genießen. Jetzt konnten wir auch jemandem helfen und fühlen uns ein bisschen rehabilitiert.
„Danke für diese zweite Chance.“

Die Nacht am Strand

Die Nacht am Strand

© Michael Bünte, 2022
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wir starten in Hamburg und reisen mit einem Toyota HZJ78 über Neapel nach Tunesien. Dieses ist der Bericht unserer zehnwöchigen Reise.
Details:
Aufbruch: 06.04.2022
Dauer: 10 Wochen
Heimkehr: 17.06.2022
Reiseziele: Tunesien
Der Autor
 
Michael Bünte berichtet seit 5 Monaten auf umdiewelt.
Bild des Autors
Aus dem Gästebuch (3/4):
Pollensa07 1656508686000
Ein span­nen­der Urlaub ist zu Ende, der mich tief in das tu­nesische Leben mit­ge­nom­men hat. Vor Jahren war ich selbst schon einmal als Pauschal­tou­rist in diesem Land und habe einige Orte wie­derer­kannt. Sehr be­ein­druckt haben mich damals der antike Stein­bruch mit diesen warmen, gol­de­nen Farben. Das alles habe ich jetzt während Eurer Ur­laub­sta­ge wieder mi­ter­le­ben dürfen­.Ja, damals war dort alles noch of­ffi­zell geö­ffnet. Aber ich kann mich e­rin­nern, dass sich einige Tou­ris­ten unserer Rei­seg­rup­pe dort an spitzen Steinen und nied­ri­gen "Decken" ver­letzt haben. Von Eurem Stil her ist alles so aut­hentisch, dass man sich vom Lesen gar nicht los­rei­sen kann. Danke für diese inte­res­sante Reise!
Ulrike Schmittmann 1654715989000
Vielen Dank, dass ich in Ge­dan­ken mit­rei­sen kann durch Tu­nesi­en!
Ich habe alle Berich­te von eurer Reise versch­lun­gen­!
Lie­be Grüße an euch!
Jana 1654249320000
un­glaub­lich tolle Ur­laub­sbil­der! Ein spitzen Fo­tog­raf! Man hat das Gefühl mit dabei zu sein und von dem Alltag zu ent­flie­hen! Genießt euer Ab­tente­uer