Neustart

Reisezeit: Juni 2021 - Januar 2022  |  von Beatrice Feldbauer

Spaziergänge

Ich bin also zurück in Buenos Aires. Bereits kommt mir die Stadt sehr bekannt vor. Ich habe nicht mehr viele Pläne für diese letzten Tage. Ja, es sind die letzten Tage meiner langen Reise. Eine gute Woche werde ich hier sein, bevor ich zum vorläufig letzten Flug starte. Zum Flug über Madrid zurück in die Schweiz.

Was ich unbedingt hier noch erledigen will, ist diesen Blog abzuschliessen. Schreibend bin ich immer noch in Ushuaia. Die finanziellen Schwierigkeiten dort haben mich beim Schreiben völlig blockiert und auch jetzt noch habe ich Schwierigkeiten, wieder einen Rythmus zu bekommen. Vielleicht ist es aber auch ganz einfach genug. Genug erlebt, genug geschrieben. Ich merke inzwischen schon selber, dass ich beim Durchsehen meiner Fotos staune und mir manchmal überlegen muss, ob ich das tatsächlich selber aufgenommen und selber erlebt habe. Es scheint Zeit zu sein, die Erlebnisse noch einmal einzuordnen. Heute ist der 19. Januar 2022. Vor genau 7 Monaten bin ich gestartet. Und was ich in dieser Zeit alles erlebt habe, scheint inzwischen auch mir selber unglaublich zu sein.

Doch im Moment gilt es noch nicht so weit zurück zu sehen, die letzten zwei Wochen wollen noch beschrieben werden. Dafür nehme ich mir die Vormittage vor. Zum Glück habe ich ein grosses angenehmes Zimmer mit Blick auf die Strasse. Ecke Mexiko und Peru. Mit kleinen Cafes und Läden.

Eines der Cafes habe ich mir als Frühstücksziel vorgenommen. Es ist nicht nur ein Cafe, sondern gleichzeitig ein kleines Fotomuseum. Mit all den Kameras an der Wand, den Objektiven, Scheinwerfern, Filmmaterial eingelassen in den Tischen mit den Glasscheiben. Einmal, als das Internet in meinem Zimmer ausgefällt, wird das Cafe sogar zu meiner Schreibstube.

Zuweilen wird der Fotograf vor dem Cafe in ein Gespräch mit einem Passanten verwickelt.

Zuweilen wird der Fotograf vor dem Cafe in ein Gespräch mit einem Passanten verwickelt.

Am Mittag aber mache ich mich auf. Zu einem Spaziergang zur Casa Rosada. Das gibt mir das richtige Buenos Aires-Feeling. Der Plaza de Mayo mit dem Regierungssitz und dem klassischen Bau der Kathedrale. Hier gibt es in einem der Bulevardcafes einen feinen Kaffee. Ich bin bereit für einen langen Spaziergang durch die Stadt.

Casa rosada

Casa rosada

Kathedrale von Buenos Aires

Kathedrale von Buenos Aires

Danach geht es weiter auf der Avenide de Mayo, da wo ich mich inzwischen schon recht gut auskenne und trotzdem immer wieder staune über die riesigen pompösen Gebäude. Es ist die Prachtsstrasse von Buenos Aires. Mit vielen Bäumen, den bekanntesten Hotels, einigen berühmten Cafes. So wie dem Tortoni, 1858 von einem Franzosen gegründet. Es sind überhaupt viele europäische Einflüsse, die in dieser Stadt zusammen fliessen. Buenos Aires rühmt sich, die Stadt mit dem stärksten europäischen Einfluss zu sein. Darum gibt es auch all die verschiedenen Plätze, die nach Ländern benannt sind. Den italienischen Platz, den französischen, die britischen Kaffeehäuser und Pubs.

Man spaziert sehr locker durch diese Stadt. Der Verkehr ist nie so stark, dass man nicht überall die breiten Strassen überqueren könnte. Man braucht nicht einmal immer auf das weisse Fussgängerzeichen zu warten, der Autoverkehr ist so gut durchgetaktet und Staus sind eigentlich unbekannt, so dass man fast immer nach einem Blick in die richtige Richtung die Strasse überqueren kann.

Viele Geschäfte an der Avenida Mayo sind noch geschlossen. Die Storen sind unten und fast scheint es, als dass sie auch unten bleiben würden. Mir kommt es vor, als ob Buenos Aires auf Sparflamme wäre. Vieles Restaurants sind geschlossen, kleine Geschäfte dicht gemacht, die Theater und Kinos mit Plakaten vollbeklebt oder mit Gerüsten davor. Das muss an der Pandemie liegen und an der wirtschaftlich schlechten Lage. Natürlich masse ich mir als unbeteiligte Beobachterin kein abschliessendes Urteil an, dazu müsste man die Gegenbenheiten besser kennen. Vielleicht ist es ja nur ein Gefühl, vielleicht öffnen die Geschäfte morgen, vielleicht ist noch nicht Theatersaison, immerhin ist jetzt Sommer hier.

Obwohl, heute scheint mir ein Herbsttag zu sein. Der Himmel ist bedeckt, es könnte jeden Moment anfangen zu regnen, zwischendurch fegt der Wind durch die Bäume, fegt ein paar Blätter über die Strasse. Diese Woche ist feuchtes Wetter angesagt, während es letzte Woche extreme Hitzetage von über 40 grad gab. Mir soll es recht sein.

Cafe Tortoni an der Avenida Mayo

Cafe Tortoni an der Avenida Mayo

Mit dem jungen Türsteher des Cafe Tortoni komme ich kurz ins Gespräch, denn das Lokal ist voll und er wird mir einen Tisch zuweisen, sobald jemand aus dem Lokal kommt. Er will wissen, woher ich komme, und wie die Covid-Situation in der Schweiz sei. Leider ist die Situation in der Schweiz angespannter, als was ich hier in Südamerika erlebe, glaube ich zu erkennen aus den Berichten aus den Medien.

"Aber ihr seid doch die erste Welt", meint der junge Mann ganz erstaunt, "während wir hier 3. oder 4. Welt sind und alles ganz anders". Hier in Buenos Aires seien inzwischen mindestens 65 % der Bevölkerung dreimal gemimpft. Gratis. Dafür gäbe es aber in der Schweiz bestimmt keine Menschen, die auf der Strasse leben.

"Doch, auch das gibt es bei uns. Es gibt überall Leute, die durch das System fallen, die sich aus irgend welchen Gründen nicht in ein normales Leben einfügen können, oder wollen. Aber in der Schweiz bekommen sie Unterstützung. Es gibt verschiedene Einrichtungen und vor allem gibt es Sozialhilfe. Es wird bei uns niemand verhungern."

"Hier auch nicht, auch hier bekommen die Menschen Sozialhilfe, die dann von uns, den arbeitenden Menschen bezahlt wird."

Das überrascht mich nun tatsächlich. Ich weiss nicht, wie diese Hilfe aussieht, wie sie zu den Menschen kommt, die irgendwo an den Strassen ihre behelfsmässigen Betten eingerichtet haben. Eine alte Matratze irgendwo an einer Mauer, in einem nicht benutzten Hauseingang ein paar Säcke mit Kleidern, ein Einkaufswagen voller Material.

Wir kommen nicht dazu, das Gespräch weiter zu führen, denn inzwischen kommen ein paar Leute aus dem Lokal, es gibt einen freien Tisch. Was mir dieses Gespräch aber zeigt, ist dass nicht immer alles genauso ist, wie man es als Stadtspaziererin sieht. Ich weiss auch nicht, wer die Menschen sind, die hier auf der Strasse leben. Ob es Flüchtlinge sind oder ob es Einheimische sind, die den Anschluss an die Gesellschaft verloren haben.

Cafe mit Baylis. mmmmmh...

Cafe mit Baylis. mmmmmh...

Stammgäste für immer: die Dichterin Alfonsina Storni,  der legendäre Tangosänger Carlos Gardel und der Schriftsteller Jorge Luis Borges
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Alfonsina wurde in der Schweiz geboren und hatte ein ungemein bewegtes kurzes Leben. Hab sie soeben ergoogelt weil ich den Namen noch nie gehört hatte.

Stammgäste für immer: die Dichterin Alfonsina Storni, der legendäre Tangosänger Carlos Gardel und der Schriftsteller Jorge Luis Borges
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Alfonsina wurde in der Schweiz geboren und hatte ein ungemein bewegtes kurzes Leben. Hab sie soeben ergoogelt weil ich den Namen noch nie gehört hatte.

Vor der Pandemie gab es auf einer kleinen Bühne im hinteren Teil des Lokals Tangovorführungen.

Vor der Pandemie gab es auf einer kleinen Bühne im hinteren Teil des Lokals Tangovorführungen.

Beim Kaffee habe ich wieder einmal meinen virtuellen Stadtplan studiert und da ist mir ein Punkt aufgefallen. Mirador steht da., Aussichtspunkt. Es scheint, dass es über der Galerie Güemes einen Aussichtspunkt gibt. Den werde ich jetzt suchen. Gelerien sind Einkaufstempel. Im wahrsten Sinne des Wortes sind es Tempel mit Kuppeln und wunderbaren Stukaturen an den Decken. Auch die Güemes in der Fussgängerpassage Florida ist so. In der Halle gibt es unzählige kleine Geschäfte für Kosmetik, Technik und Mode. Ich suche den Lift und finde einen alten klapperigen LIft, bei dem man vor der Fahrt die Sicherheitstüre selber schliessen muss. Ich fahre hinauf zum 14. Stockwerk. Dort gibt es einen kleinen Schalter wo ich einen Eintritt bezahle und dann von einem älteren Mann über die Wendeltreppe begleitet werde.

Und dann bin ich oben. Knapp über kleinen Türmen, breiten Kuppeln, eleganten Hochhäusern, die noch weiter hinauf ragen und unschönen Dachterrassen, Wassertanks, Abluftgeräten der Klimaanlagen und unzähligen Antennen.

Ich liebe solche Punkte. Schade, dass man den letzten Teil der Wendeltreppe hinauf zum Kupferdach nicht mehr gehen kann, aber da oben hätte es auch keinen Platz mehr zum stehen. Es ist nur ein Stadtführer mit seinen zwei Touristen hier und nach einer Weile kommt eine Familie. Der Ort scheint nicht sehr bekannt zu sein.

Blick über die Kuppeltn der Stadt

Blick über die Kuppeltn der Stadt

so sieht das von unten aus.

so sieht das von unten aus.

Wieder unten auf der Strasse kann ich den Kupferturm jetzt erkennen, vorher ist er mir nicht aufgefallen. Was natürlich nicht verwunderlich ist bei all den vielen Kuppeln und hohen Häusern.

Ein paar Schritte weiter höre ich eine Melodie. Es ist ein junger Geigenspieler, der hier in der Fussgängerzone vor einem eleganten Gebäude klassische Melodien spielt. Bei genauerem Hinsehen sehe ich, dass auch hier eine Verkaufsgalerie war, aber sie scheint inzwischen komplett geschlossen zu sein. Dafür ist die Buchhandlung auf der anderen Strasseseite offen. Es ist eine fantastische Buchhandlung und sie zieht mich unwillkürlich an. Staunend gehe ich durch das Geschäft. Auch dieser Laden ist ein Verkaufstempel, ein Büchertempel mit einem riesigen Angebot auf drei Stockwerken. Und überall sind Stukkaturen angebracht.

Langsam werde ich müde und habe Hunger, darum gehe ich zurück. Die Avenida Florida mündet direkt weiter in die Calle Peru, an der ich wohne. In der Nähe der Casa Rosada komme ich wieder zum eleganten Restaurant Pertutti, wo ich am Mittag mit einem Kaffee gestartet bin. Genau hier kehre ich jetzt ein. Elegante Kellner fragen nach den Wünschen, decken weiss auf, beraten und es fühlt sich grad so gut an.

Ich beschliesse den Abend mit einem feinen Risotto mit Camarones. Leider ist die Portion so riesig, dass ich einen Teil stehen lassen muss. Vielleicht habe ich vorher zu viel von dem knusprigen Brot mit dem feinen Creme fraiche genascht. Ich habe tatsächlich einen Bärenhunger.

Den Tag schliesse ich mit einem Espresso ab und bekomme dazu noch ein kleines Bettmümpfeli.

Leider ist es mit Schreiben nach diesem ausgefüllten Tag nicht mehr weit, mein Blog muss weiterhin warten. Ich wollte doch nichts mehr unternehmen in diesen letzten Tagen in Buenos Aires. Doch das ist schlicht nicht möglich.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Immer wenn der Mensch seine Zukunft plant, fällt das Schicksal im Hintergrund lachend vom Stuhl. Dieser Satz hat mich durch das Corona-Jahr begleitet. Eigentlich war mein Abflug nach Südamerika am 3. April 2020 gebucht. Doch dann kam alles anders.
Details:
Aufbruch: 20.06.2021
Dauer: 7 Monate
Heimkehr: 29.01.2022
Reiseziele: Peru
Kolumbien
Argentinien
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 20 Jahren auf umdiewelt.
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