Neustart

Reisezeit: Juni 2021 - Januar 2022  |  von Beatrice Feldbauer

Nachdenklich

Ich hab schlecht geschlafen diese Nacht. Zu viele Gedanken drehten sich in meinem Kopf. Gedanken um die Lodge, um die Zukunft und die Möglichkeiten. Zwar habe ich mich persönlich vor 5 Jahren komplett zurückgezogen, für mich ist das Projekt Dschungellodge abgeschlossen. Ich hatte sie aufgegeben, denn irgendwann muss man ein Projekt abschliessen, wenn es keine Zukunft hat. Ich hatte als Abschluss und als Dank für alles was sie für mich getan, für alles, was ich hier im Dschungel lernen durfte, Keyla für einen Monat in die Schweiz eingeladen. Es war eine fantastische Zeit, die wir miteinander verbrachten. Keyla verzauberte alle, die mit ihr Kontakt hatten und daraus ist eine tiefe Freundschaft entstanden.

Doch Keyla wollte den Traum von der Lodge nicht aufgeben, ihr Vater hatte das Stück Land hier am Rio Yarapa gekauft und zusammen mit Teresa am Traum weiter gebaut. Die Konstruktion hatte er mit wenig Hilfe fast selber aufgebaut, das Material von meiner Lodge am Ucayali hierher gebracht. Teresa sorgte dafür dass auf dem Gelände viele verschieden Pflanzen gedeien. Früchte und Blumen und sie war es auch, die die Gäste bekochte. Wenn es Gäste gab. Viele gab es nicht, der Aufbau war ja noch nicht abgeschlossen. Doch dann kam die Pandemie und die Lodge blieb ihrem Schicksal überlassen. Dass sie ausgeraubt wurde, war für mich ein Zeichen, aufzugeben, aufzuhören, den Traum zum begraben.

Die Lodge hatte auch ohne den Diebstahl sehr gelitten. 18 Monate in dieser heissfeuchten Witterung mit viel Regen und Stürmen hinterlassen ihre Spuren.

Abgesehen von den vielen Gedanken, die mir den Schlaf raubten, ist eine Nacht im Dschungel natürlich immer ein besonderes Erlebnis. Denn der Urwald schläft nie. Die unzähligen Geräusche, die man nicht zuordnen kann. Die Grillen und Insekten, mit ihrem endlosen Gezirpe legen einen Geräuschteppich aus dem immer wieder einzelne Rufe von Vögeln, oder sind es Frösche ertönen. Manchmal glaubt man, einen Dialog zu hören, Tiere die sich über Distanz antworten, manchmal schlägt eine Welle ans Ufer. Ein Fisch, der kurz über die Oberfläche springt. Ein rosa Delfin, der aus dem Wasser steigt? Es ist keiner gekommen. Schade eigentlich. Gegen Morgen höre ich ein Boot auf dem Fluss. Es ist schon von weitem zu hören und fährt knatternd vorbei. Ein früher Fischer vielleicht. Dann raschelt es in den Bäumen zum Fluss. Affen wären das gewesen, erzählt mir Teresa später. Ich versuche, die Geräusch zuzuordnen. Ob Vögel tatsächlich nachts rufen? Oder sind es doch Frösche, von denen es unzählige gibt mit den verschiedensten Tonarten. Nicht umsonst haben wir den Gästen jeweils Nachtexkursionen angeboten zur Sinfonie der Frösche. Zum Morgengruss der Vögel.

Gina hat bereits das Feuer geschürt, als ich am Morgen in die Küche komme. Sie benutzt die vielen abgebrochenen Äste, und das Holz, das am Boden lag. Weit muss sie nicht suchen. im Topf kocht Yucca. Teresa war bereits draussen, hat sie geerntet. Yucca ist in Baum, der innert wenigen Monaten bis zu 2 Meter hoch werden kann, und den man ausgräbt und die Wurzeln erntet.

Yucca gehört zu den Grundnahrungsmitteln, die überall verfügbar sind. So wie Kartoffeln, die hier allerdings nicht überall wachsen. Dafür Reis, der jetzt in der Trockenzeit überall auf den Sandbänken ausgesät wird, die jetzt an den grossen Flüssen am Ufer entstehen. Natürlich gehören auch Bananen dazu, Kochbananen, die gekocht oder fritiert werden. Gemüse und Salate findet man auf dem einheimischen Speisezettel eher selten.

Yucca / Maniok

Yucca / Maniok

Wir besuchen unsere Nachbarin, Mama Alicia. Gestern als wir ankamen, sahen wir sie unten am Fluss stehen, sie weiss also, dass wir zurück gekommen sind. Sie lebt hier allein mit ihrem Sohn und einem Enkel. Und mit ganz vielen Hühnern, zwei Papageien und einem Hund. Von ihr hatte Pablo vor Jahren das Grundstück gekauft. Sie lebt hier weitgehend autark. Hat ihre Bananenstauden, ihre Yuccapflanzung. Manchmal verkauft sie etwas von ihrer Ernte in Nauta. Ihr Sohn, der Fischer sammelt seinen Fang, lässt ihn trocknen und fährt alle paar Tage nach Nauta, wo er ihn verkauft. Dafür bringt er dann das, was man nicht selber produziere kann. Salz, Zucker, Dinge für den Alltag.

Alicia freut sich, uns zu sehen, nach all der Zeit. Viel gibt es allerdings nicht zu erzählen. Man ist da, alles ist gut. Teresa leiht sich ein paar Töpfe von ihr, denn in unserer Küche fehlt alles.

Ihr Sohn hatte einen guten Fang am Morgen, wahrscheinlich war er es, den ich in der Nacht gehört hatte. Sie schenkt uns ein paar Fische, die wird es zum Frühstück geben.

Wir sehen uns noch ein wenig auf dem Gelände um. Sehen die Palmwedel die zum Trocknen ausgelegt sind. Damit wird gelegentlich das Dach ausgebessert. Auch der Zugang zum Wasser ist neu angelegt. Mit einem Geländer, so dass man auch bei nassem Ufer sicher hinunter zum Boot kommt.

Diego gefällt der kleine Papagei und spontan leiht ihn Keyla aus. Er kommt mit zum Frühstück, später wird sie ihn mit den Töpfen wieder zurück bringen.

Die Blätter sind für das Dach bestimmt, liegen hier zum Trocknen aus.

Die Blätter sind für das Dach bestimmt, liegen hier zum Trocknen aus.

Zurück in der Lodge brät Gina die Fische über dem Feuer und toastet das Brot, das wir mitgebracht haben. Für mich gibt es Spiegeleier und Schinken. Dazu Orangensaft aus der Tüte. Auch Pablo bekommt Eier, die anderen Fisch mit Yucca. Ein typisches Frühstück.

Doch Pablo hält es nicht lange aus am Tisch, er hat bereits am Morgen wieder angefangen mit seiner Maschine das Unkraut zu mähen. Alles war nicht angepflanzt ist, muss geschnitten werden. Es ist schon wieder sehr heiss, er arbeitet förmlich im Schweisse seines Angesichts. Und er will weitermachen bis zum letzten Tropfen Sprit, den er mitgebracht hat.

Ich mache mich derweil auf Fotosafari. Hab ein paar Schmetterlinge entdeckt. Leider gibt es zur Zeit keine Blumen. Es ist nicht die Zeit der Blumen, auch nicht der Früchte, erklärt mir Teresa. Zu anderen Zeiten gibt es viele Früchte zum Ernten. An allen Bäumen wachsen sie. Guaven, Bananen, Papayas, Zitronen. Auch ein paar Büsche mit wilden Physalis habe ich entdeckt, aber sie sind noch zu klein, tragen keine Früchte. Zuckerrohr könnte man schneiden und Teresa gräbt wilden Ingwer aus. Sie wird ihn mit nach Hause nehmen und in ihrem kleinen Laden, den sie neuerdings im ehemaligen Büro von Keyla führt, anbieten.

Die Kokosnusspalme, die Teresa geplanzt hat, ist auch sehr gewachsen, nächstes Jahr wird die Früchte tragen, meint Pablo.

Die Nester der Webervögel

Die Nester der Webervögel

Pablo hat sein Ziel erreicht, das ganze Gelände ist gesäubert, Pedro ist mit dem Boot angekommen, als ein riesiges Gewitter über und hereinbricht. Kurzen Blitzen am Himmel folgen laute Donnerschläge, Es ist, als ob die Welt untergehen würde. Und dann fällt der Regen. Schwere Tropfen fallen auf das Palmendach, die Luft ist merklich kühler geworden. Erstaunlicherweise halten die Dächer, es dringt kaum ein Tropfen durch und das, obwohl die Palmen seit über einem Jahr nicht mehr kontrolliert und erneuert wurden. Ich ziehe mich noch einmal in meine Hängematte zurück, es gibt nichts zu tun und mir fehlt der Schlaf von letzter Nacht.

Und dann gibt es Mittagessen. Fisch Patarashka. Das sehr typische und wunderbare Rezept bei dem der Fisch mit Kräutern, Tomaten, Knoblauch und Zwiebeln in Blätter eingewickelt auf dem Grill gegart wird. Dazu Reis und Yucca.

Und Keyla hält noch eine spezielle Überraschung beireit. Einen wunderbar gekühlten Weisswein, den sie in der Kühlbox bis jetzt aufbewahrt hat.

Ein letztes Mittagessen in der Lodge, dann wird aufgeräumt.

Keyla bringt Töpfe und Papagei zurück zu Mama Alicia, Pablo verpackt seine Gerätschaften, Gina und Teresa räumen die Küche auf und ich verpacke meine Hängematte. Wir verlassen die Lodge. Pablo überlegt sich bereits, was er bei seinem nächsten Besuch machen will. Es wird viel brauchen, die Lodge wieder auf Vordermann zu bringen. Mit einem Kohlestück hat Teresa alle Bretter angezeichnet, die nicht mehr sicher sind, auf die man nicht treten sollte. Einige Pfosten müssen ausgewechselt werden, Alle Netze an den Fenstern müssen ersetzt werden. Die Liste ist lang. Zu lang.

Nach dem Essen hatte ich versucht, mit Keyla zu sprechen. Eigentlich sieht sie meine Bedenken, doch gegen die Begeisterung und den unbändigen Willen ihrer Eltern hat sie keine starken Argumente. Ausser, dass sie es sein wird, die das Geld für den Aufbau verdienen muss.

Pablo kredenzt den letzten Rest Weisswein

Pablo kredenzt den letzten Rest Weisswein

Die Stimmung ist heiter bei der Rückfahrt, der Regen hat aufgehört, doch in meinem Innern bin ich traurig. Ich fühle mich irgendwie verantwortlich für die Familie, ich bin mir nicht sicher, ob sie noch meinem eigenen Traum nachhängen, den ich allerdings komplett begraben habe. Vielleicht kann ich in den nächsten Tagen noch einmal mit Pablo und Teresa sprechen. Von Keyla weiss ich nämlich, dass sie ihr Gelände schon ein paarmal hätten verkaufen können.

Nauta empfängt uns mit dem bekannten Chaos. Nur ist alles jetzt noch etwas schlimmer, weil der Regen die Erde aufgeweicht hat und die Mototaxis kaum mehr im Uferschlamm vorwärts kommen. Ob ich besser aussteigen soll, bis wir die schlimmsten Stellen passiert haben, will ich wissen, doch das geht gegen die Ehre eines Mototaxistas. Mit letzter Kraft würgt er sein Vehikel durch den Schlamm. - Das Video findet man auf meiner HP.

Lucas erwartet uns mit dem Taxi. Wieder wird alles auf das Autodach gepackt, wir fahren mit Verspätung los und weil es wieder anfängt zu regnen und die Sicht immer schlechter wird, kommen wir erst lang nach dem Eindunkeln in Iquitos an.

Ein spannender, eindrücklicher Ausflug geht zu Ende und hinterlässt bei mir ein bedrückendes Gefühl.

Videos zu diesem Tag findet man wie gewohnt auf meiner eigenen HP

www.bison.ch - Peru-Videos

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Immer wenn der Mensch seine Zukunft plant, fällt das Schicksal im Hintergrund lachend vom Stuhl. Dieser Satz hat mich durch das Corona-Jahr begleitet. Eigentlich war mein Abflug nach Südamerika am 3. April 2020 gebucht. Doch dann kam alles anders.
Details:
Aufbruch: 20.06.2021
Dauer: 7 Monate
Heimkehr: 29.01.2022
Reiseziele: Peru
Kolumbien
Argentinien
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 20 Jahren auf umdiewelt.
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