Neustart

Reisezeit: Juni - Dezember 2021  |  von Beatrice Feldbauer

Venus

Ich kann gar nicht anders, ich muss einfach fotografieren, wenn ich am Morgen aus dem Hotel komme. Die Sicht auf den Platz ist einfach jeden Tag umwerfend. Ich möchte mir das Bild verinnerlichen. Für später, wenn ich mir meine Fotos ansehe und mich zurück erinnere. An einen wunderbaren Ort mitten in Kolumbien.

Auf dem Hauptplatz steht wieder der grosse Bus, der hat anscheinend nicht zur Filmcrew gehört. Ich sehe mir die Info-Tafel etwas genauer an. Wenn ich es richtig verstehe handelt es ich um eine Gratis-Rechtsauskunft für alle, die etwas wissen wollen.

Da stehen so Dinge drauf wie:

Erhalte Gratis-Information über deine Rechte. gemäss Gesetz 1480 von 2011
Haben sie deinen Telefontarif erhöht, ohne dich vorher zu informieren?
Hast du Verträge unterschrieben mit missbräuchlichen Klauseln?
Hast du Produkte gekauft und jetzt gibt es keine Garantie?

Ich bin nicht ganz sicher, aber es könnte tatsächlich eine Dienstleistung des Staates sein. Eine Infokampagne.

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Salchicha Alemana

Salchicha Alemana

Nach dem Frühstück, diesmal mit traditionellem Pericco - Rührei mit Tomaten und Zwiebeln - gehe ich zurück ins Hotel, will noch ein wenig schreiben und versuchen, Fotos aufzuladen. Das ist plötzlich schwierig und langsam geworden.

Gegen Mittag bummle ich durch den Ort und entdecke einen deutschen Bratwurst-Laden. Mir ist allerdings mehr nach dem Schokolademuseum ein paar Häuser weiter. Es ist mir schon gestern aufgefallen, jetzt will ich es mir genauer ansehen.

Eigentlich ist es ja vor allem ein grosser Schokolade-Laden wo viel Schokolade verkauft wird. In Form von wunderschönen Pralinen, die hinten im Laden hergestellt werden. Und Schokolade in allen Formen und mit den verschiedensten Aromen.

Dazu werden aber auch Geräte ausgestellt, die man für das Herstellen und Servieren von Schokolade braucht oder was so gebraucht wurde, als Schokolade noch ein sehr wertvolles neues Getränk war. Ausserdem gibt es Säcke voller Kakaobohnen und Kakaofrühchte.

Und man kann sehen wie sie wachsen. Die Früchte wachsen direkt am Stamm und reifen dort, bis sie geerntet werden. Dann werden sie geschält, fermentiert und getrocknet, geröstet und gemahlen. Es ist ein langer Prozess und eigentlich hätte ich gern eine Kakaofarm besucht, aber ich hab noch immer nicht herausgefunden, wo man so eine Farm findet. Obwohl Kolumbien ein Hauptanbaugebiet für Kakao ist.

Kakaobohnen und -Früchte

Kakaobohnen und -Früchte

Die Früchte reifen direkt am Stamm. Dies hier sind natürlich künstliche Früchte.

Die Früchte reifen direkt am Stamm. Dies hier sind natürlich künstliche Früchte.

Zum Schop gehört auch ein sehr schönes Restaurant. Einerseits ist da der Garten mit versteckten romantischen Tischen und dann das Cafe, das über und über mit Blumengirlanden geschmückt ist, so dass man sich in einer besonders romantischen Pergola fühlt. Natürlich gönne ich mir auch eine Tasse Schokolade und vor allem ein grosses Stück Schokoladetorte.

Dass ich den exotischen Kakao mit dem flambierten Käsedeckel bestellt habe, liegt an meiner Neugier. Ich hätte es ja wissen müssen, Käse und Schokolade muss einem ganz speziellen Hirn entsprungen sein. Fein wäre ganz anders. Nachdem ich den geschmolzenen Käse, wieder aus der Schokolade gefischt habe, war diese aber himmlisch. Mild und cremig. Und der Kuchen sowieso. Ich brauche wahrscheinlich heute nichts mehr zu essen und start jetzt erst einmal zum Verdauungsspaziergang.

Sie ist etwas versteckt und ich habe sie nur zufällig von der Dachterrassse des Hotels gesehen, die zeite Kirche. Leider ist sie nicht offen. Ich setze mich eine Weile unter den riesigen Gummibaum, der im kleinen Park steht und studiere die ausladenden Äste. Ich liebe riesige Bäume und Gummibäume haben einen ganz besonderen Reiz.

Handgemachtes Bier

Handgemachtes Bier

Ich gehe weiter, auf dieser Seite des Ortes gibt es weniger auffällige Geschäfte und Boutiquen, aber der Blick in den einen oder anderen Hof zeigt mir schöne Hotelinnenhöfe oder einmal sogar eine kleine Brauerei.

Über den Strasse wird die Weihnachtsbeleuchtung angebracht, ich begegne den Männern mit der Leiter überall wieder. Sie ziehen lange Stränge mit unzähligen kleinen Lichtern entlang den ganzen Strassen. Wird bestimmt sehr festlich aussehen, wenn sie fertig sind.

Hinter einem mit bunten Bändern geschmückten Tor entdecke ich einen kleinen Garten. Hier wächst eine Blume, die mich an Herbstzeitlosen erinnert, aber meine App sagt mir, dass es Windblumen sind..

Auf der anderen Seite der Strasse finde ich das Alma-Cafe. Ich trete ein und bin in einer anderen Welt. Schon das Entree ist sehr ansprechend mit den vielen Blumentöpfen an der Wand. Dahinter gibt es einen grossen Garten.

Alma Cafe - Seelen Cafe

Alma Cafe - Seelen Cafe

Eine Frau ist dabei, Weihnachtsschmuck aufzuhängen. Kleine Tonformen mit roten Bändern. Kein Plastik, betont sie, es soll alles natürlich sein. Sie macht mich auf die beiden Bücherhäuschen aufmerksam. Es hätte nicht nur spanische Bücher darin, auch ein paar englische würde ich finden. Man kann sie einfach mitnehmen. Und wenn man hat, legt man ein eigenes hinein, so dass ein Bücheraustausch stattfinden kann.

Im Baum hängen ein paar Vogelhäuschen.

Und dann fallen mir die roten Früchte am Baum ganz hinten in der Ecke auf. Ich habe sie schon an anderen Orten gesehen, aber noch nie bin ich ihnen so nahe gekommen, dass ich sie hätte fotografieren könne. Eugenien seien das, meint die Frau. die Frucht sei nicht geniessbar, aber sehr schön. Und sie hat sehr hübsche weisse Blüten.

Syzygium paniculatum erklärt mir Wikipedia später, ein Myrthengewächs.

Die gelben Nisperos kenne ich von Spanien. Manchmal findet man sie auch bei uns in den Supermärkten. Aber die Früchte sind sehr empfindlich und nicht gut für den Transport geeignet.

Ich sehe mir ganz hinten noch das Atelier eines Künstlers an. Es sind grosse Gemälde und Fossilien, die aussehen, als hätte man die Knochen so aus der Erde gebuddelt.

Eugenia - Syzygium paniculatum

Eugenia - Syzygium paniculatum

Blüten der Eugenia

Blüten der Eugenia

Nisperos - Nispeln

Nisperos - Nispeln

Echeveria - Steinblume

Echeveria - Steinblume

Echeveria

Echeveria

Im Restaurant bekomme ich einen richtig feinen Cappuccino. Ich sehe den beiden Kindern zu, deren Mütter am Nebentisch in ein intensives Gespräch vertieft sind. Dass die beiden eine Maske tragen, scheint den Knirpsen nichts auszumachen, sie lachen und kichern ungestört und arbeiten mit ihren farbigen Bauklötzen.

Als ich das Cafe verlasse, ist die Frau dabei, den grossen Weihnachtsbaum im Eingang zu schmücken. Mit vielen Pinienzapfen und roten Maschen.

Inzwischen steht die Sonne schon sehr tief und wird wohl bald hinter den Wolken verschwinden. Bei der Kirche stehen ein paar Lastwagen und zwei Fenster werden von grossen Scheinwerfern beleuchtet.

"Sie sind wieder am Filmen", meint der Mann, der neben mir auf der schmalen Bank an der Mauer sitzt. Irgendwie kommen wir ins Gespräch, reden über Gott und die Welt. Vor allem über die Welt. Er will wissen, woher ich komme, wie lange ich schon hier bin. Das übliche halt. Er gibt mir ein paar Tipps für meine Weiterreise. Und dann erzählt er von sich.

Von der schwierigen Zeit mit Covid. Es hatte ihn erwischt. Er wäre fast daran gestorben. Lag zwei Wochen im Krankenhaus in Tunja. Daran kann er sich aber nicht mehr erinnern, denn er lag im Koma. Er hat es überlebt. Knapp.

Inzwischen geht es ihm besser. Er ist hierher zurückgekommen. Da wo er aufgewachsen ist. Jeden Tag macht er seine Spaziergänge, manchmal geht er ein wenig in die Höhe, aber er muss noch immer sehr aufpassen. Es ist nicht mehr wie vorher. Aber es ist gut so. Er hat sich auch impfen lassen, er will schliesslich weiterleben, ist erst seit kurzem pensioniert. Es scheint, dass er einen guten Posten hatte. Als Ingenieur.

Und dann zeigt er mir die Venus. Vor kurzem ist sie aufgegangen und steht jetzt hoch oben am Himmel über den Häusern auf der anderen Seite des Platzes. Und während der Himmel jetzt immer dunkler wird, kann man die Venus immer besser erkennen.

Als es ganz dunkel wird, verabschieden wir uns. Francisco hat mir die Venus gezeigt. Ein wunderschöner Abend an einem wunderschönen Ort.

Hoch obenkann man den einsamen Stern erkennen: die Venus.

Hoch obenkann man den einsamen Stern erkennen: die Venus.

Hier wird noch immer gefilmt

Hier wird noch immer gefilmt

Viel später am Abend mache ich noch einmal eine Runde über den Platz. Die Filmcrew ist abgezogen. Heute ist Vollmond. Doch die Venus steht noch immer am Himmel. Sie wird mich in Zukunft immer an diesen Abend in Villa de Leyva erinnern. Und an Francisco.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Immer wenn der Mensch seine Zukunft plant, fällt das Schicksal im Hintergrund lachend vom Stuhl. Dieser Satz hat mich durch das Corona-Jahr begleitet. Eigentlich war mein Abflug nach Südamerika am 3. April 2020 gebucht. Doch dann kam alles anders.
Details:
Aufbruch: 20.06.2021
Dauer: 6 Monate
Heimkehr: Dezember 2021
Reiseziele: Peru
Kolumbien
Live-Reisebericht:
Beatrice schreibt diesen Reisebericht live von unterwegs - reise mit!
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.
Bild des Autors
Aus dem Gästebuch (3/61):
anonym 1638382984000
Hallo Beat­ri­ce kann mir vor­stel­len ir­gen­dwann an einen Punkt zu kommen wo man alles erlebte nicht mehr richtig verar­bei­ten kan­n.viel­leicht sol­ltest du einmal pau­sier­en und dich ein wenig er­ho­len.­du wirkst aus­ge­laugt was kein Wunder ist , es ist ja ein enormes Pensum was du hinter dich geb­racht has­t.wie lange hast du noch vor in Ko­lum­bien zu blei­ben?­Wünsche dir­,dass du bald wieder fit bis­t.bleib gesun­d,in Öster­reich und Deuts­chland wütet die Corona e­pe­de­mie und es gibt immer noch genug Leute die eine Impfung ver­wei­gern­.bleib gesund und liebe Grüße von vik­to­ria
Manuel Gruber 1637333923000
Hallo Beat­ri­ce,­
dei­ne Be­den­ken und Meinung sind plau­si­bel und nach­vol­lzieh­bar. Mir gings auch nur um die Preise für die lecke­ren Gerich­te. Für alle andere P. gibt´s genü­gend Möglich­kei­ten sich an­der­wei­tig zu in­for­mier­en. Aber wenn ich z.B. - ich bin ja beim Lesen noch in Iquitos -ulpo in einer A­ce­vicha­da-­Sos­se mit O­li­veno­el, beg­lei­tet von A­vo­ca­doc­re­me mit Toas­tstücklein "Plus" Cre­mi­ges Risotto mit Rin­dsfi­let - diese Bilder von lecke­ren Speise sehe, dann ist eben der Preis für mich inte­res­sant­.
A­ber, und fast noch inte­res­santer finde ich, dass du diese Por­tio­nen verd­rücken kannst. Dies vor dem Hinter­grund, dass ich, 68 Jahre alt, 180 groß und zu meinem Er­schrecken vor 8 Wochen noch 85 kg wie­gend, seitdem mittels Er­nährun­gsum­stel­lung kram­pfhaft daran arbeite mein Gewicht zu re­du­zier­en
Ja - lach - Bo­li­vien ist da rein­ge­rutscht, weil ich zeit­gleich einen Rei­se­bericht darüber ver­fol­ge und mir auf Google Maps eine Route er­stellt habe, die beide Länder ver­bin­det. Ko­lum­bien hatte ich auch schon auf dem Schirm, aber wegen meiner Af­ri­ka-­Rei­sen stetig verscho­ben.
VG Ma­nuel
Manuel Gruber 1637321575000
Hallo Beat­ri­ce,­
Gra­tu­la­tion zu diesem famosen Rei­se­bericht, der mich nun schon ein paar Tage an den PC fes­selt.
Al­lei­ne schon wegen der tollen Gerich­te die du überall isst, glaube ich mit­tler­wei­le, dass ich noch einmal nach Peru und "neu" nach Bo­li­vien reise sol­lte.­
Ein Wunsch von mir wäre, dass du bei den Gerich­ten eine Prei­san­ga­be zufügst (habe ich dir auch auf Fa­ce­book ge­pos­tet&shy.
An­son­sten wei­ter­hin traum­haften Au­fent­halt und happy wee­kend
VG Manuel
Antwort des Autors: Lieber Manuel
du meinst natürlich Kolumbien
Es freut mich sehr, dass du so intensiv mitreist. Du fragst nach Preisen. Ich verzichte sehr bewusst auf Preise. Sowohl bei Hotels wie auch bei Fahrten und Essen. Dazu gibt es genug andere Reiseberichte, die den Schwerpunkt auf günstige Preise legen. Bei mir geht es mehr ums Erleben. Als Idee kann ich aber sagen, dass die meisten Gerichte hier in Kolumbien um 30 - 40'000 Peseten kosten,. das sind 8-10 Franken. Dazu kommt ein Glas Wein oder ein Saft für 8'000 Peseten. Vielleicht möchtest du die Angaben in Euros und da sind wir doch bereits im Dilemma. In Lima war ich eher im oberen Preissegment unterwegs. Kann da aber keine Angaben mehr machen. Für mich aus der Schweiz ist definitiv alles sehr günstig. An meinem Geburtstag habe ich für zwei Essen mit allem Drum und Dran (Apero/Vorspeise/Hauptgang/Dessert/Wein) in einem der besten Restaurants Limas gegen 120 Franken ausgegeben.

Ich möchte auch in Zukunft auf Preisangaben verzichten und wünsche Dir viel Spass beim Weiterreisen durch diese überraschende Land Kolumbien. Liebe Grüsse Beatrice