Neustart

Reisezeit: Juni 2021 - Januar 2022  |  von Beatrice Feldbauer

Fiesta de los Gauchos

Sonntagmorgen, es ist wieder sehr ruhig in der Stadt. Ich werde um halb neun abgeholt für einen Ausflug zu den Gauchos. Ja natürlich gehören die Gauchos zu Argentinien. Sie sind die Cowboys Südamerikas. Es gibt in Argentinien riesige Farmen, Estancias mit riesigen Rinderherden, die von den wilden Männern auf ihren Pferden überwacht und zusammengetrieben werden.

Natürlich sind die paar Estancias, die hier in der Umgebung von Buenos Aires Touristen empfangen und zu ihren Fiestas de los Gauchos einladen keine wirklich typischen Grossfarmen, aber ein Besuch einer solchen Farm gehört irgendwie trotzdem dazu.

Wir sind eine kleine Gruppe, meint Juan, der mich mit dem Van als erste abgeholt hat. Wir sammeln die anderen in den verschiedenen Hotels ein. Dabei fällt mir wieder auf, wie schön die Bäume zur Zeit blühen. Die rosafarbenen Flaschenbäume, die leuchtenden gelben Blüten in den Parks.

Es ist Sonntag, ganze Fahrradgruppen sind unterwegs, es herrscht wenig Verkehr. Ich staune sowieso, wie locker der Verkehr in dieser Stadt läuft. Die Avenidas sind grosszügig angelegt, Breit mehrspurig. Und in den schmalen Strassen ist überall Einbahn. Ich bin tatsächlich noch nie im Stau gestanden, nur vor Rotlichtern.

Wir sind in südlicher Richtung unterwegs. Bei der Floralis generica legen wir einen kurzen Halt ein, damit alle Gäste von Buenos Aires diese nicht verpassen.

Die Mechanik sei defekt, erklärt Juan, das erklärt, dass die Blume auch heute wo der Himmel bedeckt ist, noch immer die gleiche Haltung hat. Hätte also nichts genutzt, wenn irgendwann gegen Abend hergekommen wäre.

Wir sind wieder eine internationale Truppe. Ein junges Paar aus Venezuela mit ihrem Baby. Die beiden leben in Chile, darum hat ihr Baby die chilenische Nationalität. Ein peruanisches Paar, Mutter und Sohn aus Brasilien, eine Australierin und ich. Unser Ziel ist die Estancia Don Silvano, gut 80 km vom Zentrum von Buenos Aires entfernt. Es ist fast alles Autobahn, respektive eine zweispurig geführte Schnellstrasse.

Zur Begrüssung bekommen wir ein paar Empanadas und einen Becher Wein, oder Wasser, je nach Gusto. Danach dürfen wir uns etwas auf dem Gelände umsehen.

Es gibt einen kleinen Laden, der in einem alten Eisenbahnwagen untergebracht ist. Da kann man Ponchos kaufen oder die schön verzierten Becher mit dem speziellen Löffel für den Mate-Tee. Versuchen können wir ihn nicht, denn er wird reihum aus dem gleichen Becher getrunken, mit dem gleichen Röhrchen. Juan, unser Guia hat uns auf der Fahrt davon erzählt und ich kenne den Mate eh schon von meinem früheren Aufenthalt. In Paraguay wird er übrigens kalt getrunken, dort heisst er Terere. In meinen letzten Reisebericht aus Paraguay habe ich von einer typischen Terere-Runde erzählt. Das war im Oktober 2019, ein paar Monate vor Corona.

Schon bald werden wir zu den Pferden geführt. Wir sollen reiten, wir sollen etwas vom Leben der Gauchos selber spüren.

Die Pferde stehen gesattelt bereit, das Aufsteigen ist perfekt organisiert mit einem hohen Steg neben den Pferden, so dass wir alle aufsteigen können. Mein Pferd ist die Luna. Sie scheint sehr ruhig zu sein und ich bin ganz froh, dass sie einfach den anderen hinterhertrottet. Galoppieren und traben sei nicht gestattet, meint einer der beiden Gauchos, die uns anführen. Der Ausritt dauert kurz, ist aber eine sehr schöne Erfahrung. Einmal mehr auf einem Pferd zu sitzen. Reiten würde ich das nicht wirklich nennen, aber es fühlt sich wenigstens so an. Das Gelände ist grossflächig, wir kommen über eine kleine Brücke auf eine Weide, wo die Sonne heiss brennt, gehen am Bambushain entlang und unter den alten Eukalyptusbäumen führt der Weg zurück in den Stall.

Dort wartet die zweite Gruppe. Es sind auch noch andere Touristen hier. Die anderen sind mit ihren Privatwagen hergekommen, wir scheinen heute die einzige Gruppe zu sein.

Nächster Programmpunkt im Gauchoprogramm ist die Kutschenfahrt. Zwei Schimmel ziehen den Pritschenwagen mit dem wir einen weiten Kreis ziehen. Wir kommen an der grossen Weide mit den Schafen vorbei. Auch sehen wir am Weg alle alten Kutschen, die auf der Ranch zum Einsatz gekommen sind. Wahrscheinlich sind einige davon auch jetzt noch in Betrieb, wenn wieder mehr Touristen kommen. Bestimmt waren da vor der Pandemie jeden Tag viel mehr Leute zu Besuch.

Die Hacienda ist übrigens auch ein Hotel. Es gibt ein paar Zimmer in einem umgebauten Stall und im Haupthaus. Auch einen kleinen Pool mit ein paar Liegestühle gibt es. Das ist bestimmt ein sehr schöner Aufenthalt, auch wenn es mir persönlich hier zu ruhig wäre. Soweit man das mit den täglichen Besuchern ruhig nennen kann.

Nach der Kutschenfahrt bleibt noch etwas Zeit, sich auf der Ranch umzusehen. Ich entdecke alte Gerätschaften, Wagenräder, die einen kleinen Traktor und viele hohe Bäume die willkommenen Schatten spenden. Zwar brennt die Sonne heute nicht vom Himmel. Dieser ist vorwiegend bedeckt, aber es ist trotzdem ziemlich heiss und feucht.

In einer Remise entdecke ich vier alte Autos. Das würde bestimmt noch fahren, meint ein Mann, der bewundernd die Fahrzeuge betrachtet und zeigt auf den alten Fiat.

Ich will ihm nicht widersprechen, kann mir das aber trotzdem nur nach einem ziemlich grossen Arbeitsaufwand vorstellen. Jedenfalls sind die Wagen ein willkommenes Fotosujet.

Andere Fotosujets stolzieren über den Hof. Die paar Pfauen haben leider ihre langen Schwanzfedern im Moment verloren. Es ist also noch mit einem Rad zu rechnen.

Auf einem Pfahl sitzt ein brauner Adler. Er scheint ebenfalls zu dem Hof zu gehören, jedenfalls schwebt er hinüber zu den Eseln und setzt sich einem auf den Rücken, fängt an, ihn zu putzen, indem er sein Fell nach Insekten untersucht.

Etwas weiter weg grast eine Herde Rinder und im kleinen Weiher schwimmen Gänse und Enten. Und der rosarote Vogel wird wohl ein Rosalöffler sein. Kürzlich hatte ich im Zoo ein paar gesehen. In einem anderen Weiher wartet ein einsamer Flamingo und sucht die Wasseroberfläche nach etwas Essbarem ab. Auf der Weide staksen ein paar Nandus. Sie werden auch südamerikanische Vogel Strauss genannt, sind aber etwas kleiner als ihre australischen Verwandten.

Es ist tatsächlich ich grosse Vielfalt an Tieren, die hier auf der Hacienda leben und sie setzen sehr schöne Akzente. Ein riesiger Hahn stolziert ebenfalls stolz über den Weg und ein junges Geisslein hat bei einem Lama eine Ersatzmutter gefunden. Sie seien schon seit der Geburt des Geissleins unzertrennlich erzählt mir einer der Gauchos.

ein Adler

ein Adler

Rosalöffler am Ententeich

Rosalöffler am Ententeich

Die Hotelzimmer

Die Hotelzimmer

Auf meinem Rundgang komme ich auch zur offenen Küche, wo der Koch das Fleisch auf dem grossen Grill kontrolliert. Eigentlich würde zu einem richtigen Asado, einem Grillfest ein bis zwei Rinder über das Feuer gehören, doch es sind wohl zu wenig Leute hier, als dass sich das lohnen würde. Die Fleischauswahl ist aber trotzdem sehr eindrücklich.

Bald darauf ertönt der Gong, wir sind eingeladen zum Mittagessen.

Auf den Tischen stehen Weinflaschen und kleine Salatteller mit knusprigem Brot. Bald kommen die Gauchos mit dem Hauptgang. Zuerst gibt es Würste vom Grill. Eine grobe Blutwurst und eine etwas fettige Bratwurst. Und dann folgen die verschiedenen Fleischsorten: Hühnchen, Schwein und Rindfleisch. Und zwar in riesigen Portionen, so dass die meisten schon bald abwinken. Argentinien ist ein ausgesprochenes Fleischland. Zwar wurden wir auf der Hinfahrt gefragt, ob jemand Vegetarier sei, aber bestimmt ist man froh, dass niemand sich gemeldet hat. Jedenfalls schmeckt alles wunderbar. Und ja, ein paar Pommes gab es auch noch dazu.

Während die Gauchos noch mit den Fleischplatten von Tisch zu Tisch gehen, unterhält uns ein Sänger mit seiner Gitarre. Er singt vom Leben der Gauchos, von Romantik am Lagerfeuer.

Als Höhepunkt tritt ein Tanzpaar auf. Zuerst tanzen sie einen Chacaranda, so wie ich sie in Salta jeden Abend gesehen habe, danach ziehen sie sich um und tanzen den klassischen Tango. Und dann gibt es sogar noch eine kleine Tanzlektion bei dem der Tänzer die Gäste auffordert, mitzumachen. Man nennt das eine Merengue, denn es ist erst die Vorstufe zum komplexen argentinischen Tango.

Nein, ich habe nicht mitgemacht, dazu hätte es einen Tanzpartner gebraucht. Ich habe mich lieber aufs filmen konzentriert und jetzt habe ich die Schritte auf Video.

Ein paar der Tänze findet man übrigens auf meiner Bison-Seite. Auch die sehr temperamentvolle Vorführung mit den Trommeln und den Bolas, den mit Leder umwickelten Steinen, die an langen Schnüren durch die Luft gewirbelt werden, kann man dort sehen.

ein riesiger stolzer Hahn

ein riesiger stolzer Hahn

Als Abschluss gibt es noch ein Dessert und einen Kaffee und dann verabschiedet sich das Tanzpaar. Sie haben uns wunderbar unterhalten und verteilen noch ein paar Kontaktkarten, falls man sie einmal engagieren möchte.

Die Gäste werden jetzt hinaus auf die Weide gebeten. Hier gibt es noch eine Schlussvorstellung der Gauchos.

Juan und Carlos bieten uns ein schnelles Galopprennen, zeigen wie sie auf dem Pferd eine ganze Herde Pferde dirigieren und als Abschluss zeigen sie ihre Präzision auf den Pferden.

An den Stangen, die von einem Tor hängen, werden Ringe aufgesteckt. Die Aufgabe ist es, im Galopp den Ring mit einem Stecken von der Stange einzufangen und den Zuschauern zu bringen. Eigentlich soll das eine spezielle Huldigung für die Angebetete sein, die den Reiter dann mit einem Kuss belohnen würde. Es könnte der Auftackt für eine Hochzeit sein, doch unsere Moderatorin meint, die Gauchos würden lieber die Freiheit wählen, sie wären mit einem Kuss an das Pferd zufrieden. Denn beide wären zur Zeit noch ungebunden.

Mit dieser rasanten Vorführung endet der Tag bei den Gauchos. Es gibt noch einen Becher heissen Coca-Tee und ein fritiertes Gebäck.

Es war ein sehr abwechslungsreicher Tag hier auf der Hacienda. Wir sind alle in bester Stimmung, als es zurück in die Stadt geht.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Immer wenn der Mensch seine Zukunft plant, fällt das Schicksal im Hintergrund lachend vom Stuhl. Dieser Satz hat mich durch das Corona-Jahr begleitet. Eigentlich war mein Abflug nach Südamerika am 3. April 2020 gebucht. Doch dann kam alles anders.
Details:
Aufbruch: 20.06.2021
Dauer: 7 Monate
Heimkehr: 29.01.2022
Reiseziele: Peru
Kolumbien
Argentinien
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 20 Jahren auf umdiewelt.
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