Neustart

Reisezeit: Juni 2021 - Januar 2022  |  von Beatrice Feldbauer

Casa Terracota

Ich muss es einfach tun: immer wenn ich aus dem Hotel komme, muss ich den Platz fotografieren, kann gar nicht anders.

Ich muss es einfach tun: immer wenn ich aus dem Hotel komme, muss ich den Platz fotografieren, kann gar nicht anders.

Heute gehe ich ins andere Restaurant, das mir das Hotel für das Frühstück vorschlägt. Hier gibt es luftige Pancakes mit süssem Ahornsirup. Dazu Würstchen und Spiegeleier. Frischer Orangensaft, Bananen und eine heisse Schokolade, ich bin gestärkt für den Tag.

Den Weg zum Teracota-Haus kenne ich inzwischen und so erreiche ich nach einem Spaziergang auf der staubigen Strasse bald das Casa Terracota. Diesmal ist das Tor offen und am Ticketschalter begrüssen mich zwei nette Damen.

"Hast du die Impfung gemacht, kannst du das beweisen?" Das werde ich tatsächlich gefragt und es ist das allererste Mal, dass ich mein Handy zücke, um mein Zertifikat zu zeigen. Bisher hatte es gereicht, wenn man die Frage mit ja beantwortet hatte, ein Formular mit Gesundheitsfragen ausgefüllt oder wenn einem, was hier in Kolumbien sehr selten vorkommt, das Fieber gemessen wurde. Hier will man tatsächlich ein Zertifikat sehen, zusammen mit meinem Pass.

Ich hatte schon gehört, dass sich die Bestimmungen hier in Kolumbien verschärfen, hatte aber bisher nichts davon gemerkt.

Das Terracota-Haus sieht auf den ersten Blick aus wie ein etwas seltsam geformter Erdhügel. Rotbraun, in den Farben der Erde. Und das ist es dann auch, ein Haus aus Erde.

Aus gekochter Erde, erklärt Tanja, die junge Frau, die eine Führung macht und über die Entstehung des Hauses erzählt. Das Wort Terracota stammt aus Italien und bedeutet gekochte Erde. Es verbindet die verschiedenen Elemente: Erde, Wasser, Feuer und Luft. Das Haus besteht aus einem einzigen Stück Terracota, ist also das grösste Terracota-Objekt der Welt. Gebaut wurde es von Octavio Mendoza Morales, einem Architekten, der in Bogota wohnt. Hier, auf dem Land seiner Eltern wollte er mit seiner Familie leben. Als das Haus im Jahr 2014 nach 15 Jahren Bauzeit bezugsbereit war, zog er mit seiner Frau und den beiden Kindern von Bogota hierher.

Bald aber musste er feststellen, dass sich rund um das Haus immer wieder Leute einfanden, die das Haus sehen wollten, die neugierig im Garten standen, Das Haus erregte Aufmerksamkeit und an ein ruhiges Familienleben war nicht zu denken. Also zog die Familie schon nach zwei Monaten wieder aus, zürück nach Bogota. Das Haus wurde zum Kunstobjekt erklärt und man konnte es gegen Eintritt besichtiigen.

Leider sind die Innenräume seit der Pandemie nicht mehr zugänglich, denn da das Haus auch innen komplett aus Terracota besteht, kann es nicht mit Alkohol desinfiziert werden. Das würden die Oberflächen nicht unbeschadet überstehen. Es bleibt nur der Blick durch die etwas trüben Fenster.

Es ist ein organischer Baustil, erläutert die junge Frau und verweist auf Gaudi in Spanien, dessen Baustil ebenfalls organisch und ganz von der Natur inspiriert ist.

Gebaut wurde das Haus mit der Erde, die auf dem Gelände vorhanden war. Vermischt mit Wasser entstand nach und nach das Haus. Da man es nicht von aussen brennen konnte, wie man das mit kleinen Terracota-Stücken macht, wurden in den Mauern Zwischenräume frei gelassen. In diesen machte man Feuer und brannte den Ton von innen her. Dazu wurde es in der Hitze der Luft getrocknet.

Mir gefallen die vielen Details. Die Regenrinne, die das Wasser über mehrere Trichter vom Dach auf den Boden leitet, die mit kunstvollen Schmiedearbeiten verzierten Fenster. Vor den Fenstern der Kinder sind Tiere angebracht. Eine Eidechse und Insekten.

Der Blick ins Innere zeigt, dass auch die Möbel, die Betten und Regale zur Einheit des Hauses gehören. Auch der Küchentisch gehört dazu und selbstverständlich ist auch das Geschirr aus Tonware.

Das Haus ist komplett eingerichtet mit elektrichen Geräten, Strom- und Wasseranschluss und WIFI. Die Familie hat schliesslich kurz darain gewohnt.

Einzig die WC-Schüssel im Bad ist nicht aus Terracota, erklärt Tanja, aus hyginischen Gründen.

Es gibt drei Schlafräume, die der Kinder sind unten, das grosse Elternschlafzimmer oben. Auch das grosse Bad mit den vier runden Fenstern ist oben. Unten gibt es zwei kleinere für die Kinder. Dazu gibt es einen grossen Wohnraum, der bis unter die Kuppel des Daches reicht. Das Haus ist 15 meter hoch. Eine grosse Küche kompletiert die Wohnung.

eines der Kinderzimmer

eines der Kinderzimmer

Das zweite Kinderzimmer

Das zweite Kinderzimmer

das grosse Elternschlafzimmer

das grosse Elternschlafzimmer

Blick in die Küche

Blick in die Küche

Blick in den Wohnraum

Blick in den Wohnraum

Die offene Werkstatt

Die offene Werkstatt

Der Aufgang zum Dach ist wie ein Drachenschwanz gestaltet

Der Aufgang zum Dach ist wie ein Drachenschwanz gestaltet

Über einen Weg, der wie der Schwanz eines Drachens oder eines Dinosaurier gestaltet ist, ist das Dach begehbar. Es gibt verschiedenen kleine Sitzplätze mit Feuerstellen und einem Grillplatz mit Tisch und Stühlen. Überall gibt es überall Tongefässe mit Pflanzen. Kakteen und Agaven. Der Kamin soll wohl ein Fruchtbarkeitssymbol sein und zeigen, dass das Ganze das Werk eines Mannes ist.

Der Besitzer kommt übrigens regelmässig her und kümmert sich um den Unterhalt. Es gibt immer etwas zu reparieren, dazu gibt es die kleine Wrkstatt mit vielen Gerätschaften und Werkzeugen. Im Garten gibt es einen kleinen Weiher mit einer Windmühle, die einerseits vom Wind, andrererseits aber auch mit einem Fahrrad betrieben wird. Im Weiher gibt es ein paar Enten und ganz viele Fische, wie Tanja erklärt, denn der Besitzer liebt es, hier zu fischen. Viel Geduld wird er hier nicht brauchen, wenn der Weiher voller Fische ist.

Ein geflügeltes Wesen, vielleicht das weibliche Element

Ein geflügeltes Wesen, vielleicht das weibliche Element

Der Kamin ist eindeutig das männliche Element

Der Kamin ist eindeutig das männliche Element

MIch erinnert der ganze Bau stark an den Briefträger Ferdinand Cheval in Hauterives. Bei ihm hatte alles mit einem schönen Kiesel begonnen. Er hatte angefangen, die schönen Steine, die ihm auf seiner täglichen Arbeit auffielen, zu sammeln, kleine Depots anzulegen und sie am Abend einzusammlen. Mit der Zeit errichtete er seinen Palais Ideal. Zwar ist das Material komplett anders, aber die Fantasie und die Freude, das zu verwirklichen, was sich an Ideen ansammelt. scheint mir ähnlich zu sein. Schon oft habe ich daher in Hauterives, in der Nähe von Lyon Halt gemacht, wenn ich mit Freunden nach Spanien gefahren bin.

Auch der Tarotgarten mit der eigenwilligen Wohnung in der Sfinx von Nicki de Saint Phalle in der Toskana kommt mir in den Sinn und natürlich Hundertwasser in Wien.

Was dort wohl fast jeder Besucher macht, muss ich am Schluss auch hier noch machen: ich fotografiere das Besucher-WC. Mit seinen Dekorationen und der farbigen Glastüre ist es ein spezielles Kleinod.

In einem Nebengebäude gibt es übrigens noch eine zweite Küche und ein Schlafzimmer. Das war das erste Haus, das der Besitzer auf dem Gelände gebaut hat. Hier hat er während der Bauzeit gelebt. Mir fällt auf, dass auch diese Küche relativ gross ist. Essen und Geniessen scheint in seinem Leben einen grossen Teil auszumachen

Die Rezeption ist in einem Nebengebäude

Die Rezeption ist in einem Nebengebäude

Besucher-WC

Besucher-WC

Auf dem Rückweg kehre ich im Restaurant des Vivariums ein und lasse mir einen kühlen Guanabana-Saft bringen.

Inzwischen ist ein angenehm frischer Wind aufgekommen und lässt die riesige Fahne an der grossen Funkantenne flattern. Ich glaube, es ist die grösste Fahne, die ich je frei hängend gesehen habe. Sie soll wohl von der unschönen und sicher auch hier unbeliebten Antenne ablenken.

Zurück in Villa de Leyva wird die Fassade der Kirche jetzt von den Strahlen der Spätnachmittags-Sonne beschienen. Ich knipse die letzten Fotos vom Platz und der Kirche.

Den Abend verbringe ich im Restaurant mit den Bogen, das, wie ich heute entdeckt habe, den gleichen Besitzern gehört, wie das Vivarium, in dem ich den Nachmittag verbracht habe. Auch heute Abend gibt es wieder einen Live-Musikanten, der zu seiner Gitarre singt. Lieder von Liebe und Schmerz, von Besos und Amore.

Ich sehe die Venus, die hoch am dunklen Himmel steht und auf dem Heimweg bescheint der Vollmond den Platz.

Es war mein letzter Abend in Villa de Leyva. Der Ort wird mir in sehr guter Erinnerung bleiben.

Ein paar Videos zu meinem Aufenthalt in Villa de Leyva gibt es auf meiner Bison-Seite

www.bison.ch/kulumbien-videos

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Immer wenn der Mensch seine Zukunft plant, fällt das Schicksal im Hintergrund lachend vom Stuhl. Dieser Satz hat mich durch das Corona-Jahr begleitet. Eigentlich war mein Abflug nach Südamerika am 3. April 2020 gebucht. Doch dann kam alles anders.
Details:
Aufbruch: 20.06.2021
Dauer: 7 Monate
Heimkehr: 29.01.2022
Reiseziele: Peru
Kolumbien
Argentinien
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 20 Jahren auf umdiewelt.
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